Zur Not neben Verstappen bei Red Bull

George Russell muss in ein Topteam - sofort!

07. Dezember 2020 - 8:33 Uhr

Von Ludwig Degmayr

Seit dem Sakhir-GP steht fest: George Russell hat das Zeug zum Weltmeister. Der 22-Jährige ist seit 2019 in der Formel 1, doch jetzt, nach zwei Jahren, konnte er der Welt zeigen, was er drauf hat. Dafür, dass erst jetzt alle sein Talent sehen, kann Russell selbst aber gar nichts. Er ist das Opfer eines für ihn derzeit ungünstigen Systems – und sollte schnellstmöglich entschädigt werden.

Russell lässt Kritiker verstummen - und macht Schwächen zu Stärken

Russells Leistung beim GP von Sakhir sprach für sich – und war bis zum kolossalen Fehler der Mercedes-Crew auch leicht am Klassement abzulesen. Bevor der verpatzte Boxenstopp das Rennen auf den Kopf stellte, führte der Brite das Rennen souverän an.

Bislang hörte man über den eigentlichen Williams-Fahrer in der breiten Öffentlichkeit nur wenig: Seine unfassbare Quali-Bilanz war in den beiden Jahren bei Williams bisher das einzige, das wirklich Wellen schlug. Denn Teamkollege Latifi wurde regelmäßig gebügelt, 36 (!) Mal in Folge fuhr Russell im Qualifying einen besseren Startplatz heraus als der Kanadier.

Das bekam auch Valtteri Bottas zu spüren, denn als Hamilton-Ersatz machte Russell von Beginn des Rennwochenendes Druck. Das bestätigt die These, die nicht nur ich schon länger habe: Dieser Junge ist einer für Mercedes.

Als Schwäche wurden Russell bislang seine mittelmäßigen Starts und zurückhaltenden ersten Runden zugeschrieben: In Bahrain war davon nichts zu sehen – im Gegenteil. Vom zweiten Startplatz jagte Russell direkt an die Spitze. Vorbei an Favorit und Polesetter Bottas. Und ohne große Starterfahrungen im Mercedes.

Bei allen Genesungswünschen an Lewis Hamilton: Es bleibt ein wenig zu hoffen, dass Russell im Mercedes in Abu Dhabi noch eine Chance bekommt. Denn mit einem zweiten Wochenende lässt sich dann beweisen, dass es sich am Sonntag nicht um ein One-Hit-Wonder handelte. Doch der junge Brite hat eigentlich viel mehr noch verdient.

Video: Russell kann sein Reifen-Pech beim Sakhir-GP nicht fassen

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Ein weiteres Williams-Jahr ist eine Verschwendung

Für 2021 hat Russell einen gültigen Vertrag mit Williams. Bei aller Liebe zu diesem Traditionsrennstall: Russell darf nächstes Jahr unter keinen Umständen mehr in dieser Gurke fahren. Selbst wenn sich das Team mit den neuen Investoren weiter verbessert, wird es weiterhin schwer, überhaupt in die Punkte zu fahren. Teamkollege Nicholas Latifi ist zwar ein besserer Fahrer als so mancher denkt (gleiches gilt für das Teamkollegen-"Opfer" Robert Kubica), aber für die Startnummer 63 ist er kein Gegner.

Stattdessen muss ein Top-Team her. Aktuell sind nur noch zwei Optionen theoretisch denkbar. Zum einen das wegen Lewis Hamiltons politischer Spielchen immer noch nicht besetzte Mercedes-Cockpit, zum anderen der umkämpfte Platz von Alex Albon bei Red Bull.

Mercedes und Red Bull suchen noch einen Fahrer

Verleiht die Performance an Wochenende Russell im nächsten Jahr Flügel? Er könnte das Cockpit von Kumpel Alexander Albon links bekommen.
Verleiht die Performance des Sakhir-Wochenendes George Russell (rechts) im nächsten Jahr Flügel? Er könnte das Cockpit von Kumpel Alexander Albon (links) bekommen.
© Getty Images, Bongarts, WTM / WTM

Seit 2017 gehört Russell zum Nachwuchsprogramm von Mercedes – ein Platz bei Mercedes klingt also nach der logischen Option. Doch eigentlich sind sich Weltmeister Lewis Hamilton und der Daimler-Konzern längst einig, gemeinsam weiterzumachen – auch wenn immer noch nichts unterschrieben ist.

Teamchef Toto Wolff ist bei Leibe nicht vorzuwerfen, dass er ein Weichei sei. Doch wenn er beim nächsten Pokerspiel um Hamiltons Vertrag in seiner unnachahmlichen Art einfach auf den Tisch hauen und das Spielchen nicht mehr mitspielen würde, würde seine Stellung als "Big Boss" bei Mercedes für die Ewigkeit verankert – und eine indirekte Entschuldigung an Russell gesendet, ihn für zwei Jahre in das schlechteste Auto des Feldes gesetzt zu haben. Das wird freilich nicht passieren, sondern ein Traum vieler Formel-1-Fans bleiben. Zumindest für das nächste Jahr.

Da ist die Option Red Bull tatsächlich schon wahrscheinlicher. Hier steht nach den jüngsten Leistungen Sergio Perez in der Pole Postion für den Sitz neben Max Verstappen. Helmut Marko und Christian Horner haben aber längst auch ein Auge auf den 22-jährigen Russell geworfen. Sollte Mercedes ihn nicht ins Mutterteam holen, werden die Bullen mit Sicherheit versuchen, Russell mit schmackhaften Argument abzuwerben. Wer weiß, ob der Brite da nicht schwach wird. Sein Williams-Vertrag sollte das kleinste Problem sein. Es wäre fast schon eine gerechte Strafe für Toto Wolff, der Wasserträger Valtteri Bottas frühzeitig gegenüber Russell den Vorzug für 2021 gab.