Nach Absage der drei Asien-Rennen

Fünf realistische Formel-1-Ersatzrennen in Europa

FORMEL 1
© Rauchensteiner, Rauchensteiner/Augenklick

17. Juni 2020 - 0:06 Uhr

Von Ludwig Degmayr

Mit der Absage der Grands Prix in Baku, Singapur und Suzuka sind erneut mehrere für 2020 fest eingeplante Rennen aus dem Kalender weggebrochen. Das hält F1-Boss Chase Carey aber nicht davon ab, weiterhin mit 18 Rennen zu planen. Durch das Coronavirus scheinen Rennen in Asien derzeit unwahrscheinlich – Nutznießer könnten europäische Rennstrecken sein. Wir stellen die fünf aussichtsreichsten Kandidaten vor.

5. Autodromo Enzo e Dino Ferrari Imola (Italien)

Große Triumphe und große Tragödien, in Imola gab es sie alle. Bis 2006 war die Strecke im Süden Italiens im F1-Kalender, wegen Sicherheitsbedenken und einer etwas zurückgebliebenen Infrastruktur verließ die Königsklasse das Autodromo Enzo e Dino Ferrari aber letztendlich. In Sachen Sicherheit hat sich seitdem einiges getan, denn Imola besitzt mittlerweile wieder (wie alle Strecken in dieser Liste) den FIA-Sicherheitsgrad eins. Dieser muss vorhanden sein, um ein F1-Rennen überhaupt abhalten zu können.

Andrea Cremonesi, Redakteur der größten italienischen Sportzeitung "Gazzetta dello Sport", sieht dafür andere Probleme. "Die Strecke ist für die F1 einfach zu eng. Schon bei Schumacher gegen Alonso 2005 und 2006 war das zu sehen. Mit den jetzigen breiteren Autos würde das nur noch schlimmer werden, es gäbe wohl kaum Überholmanöver." Das Auslassen der letzten Schikane könnte hier zwar für Abhilfe sorgen, doch dadurch entsteht ein neues Problem: "Der Boxeneingang ist sehr nah an der Ideallinie, Strecke und Boxeneingang sind praktisch nur durch eine Mauer getrennt."

Zwar war Imola eine der ersten Strecken, die Interesse an einem spontanen Grand Prix bekundet hatte, dennoch gilt die tatsächliches Umsetzung eines Rennes dort als relativ unwahrscheinlich. Nicht zuletzt deswegen, weil in Italien eine andere Strecke auf der Pole Position steht.

4. Circuito de Jeréz (Spanien)

Jerez
Die Start-/Zielgerade in Jerez.
© Imago Sportfotodienst

Auch bei dieser Strecke geht F1-Romantikern das Herz auf – wenn sie nicht gerade Michael-Schumacher-Fans sind. Der siebenmalige Champion erlebte 1997 im letzten Rennen der Königsklasse in Jeréz einen der schwärzesten Momente seiner Karriere: Mit einem Rammstoß gegen Jacques Villeneuve versuchte er seine Titel-Chancen zu wahren und verlor damit am Ende alle WM-Punkte dieser Saison.

Bis 2015 fanden die Wintertestfahrten auf dem Kurs in Südspanien statt. Aufgrund der Lage in einer Senke ist das Gebiet beinahe das gesamte Jahr mit guten Wetter gesegnet. "Die iberische Halbinsel ist für mich sowieso der Favorit und Jeréz noch im speziellen, da man dort bis in den November fahren kann, ohne dass die Temperaturen zu sehr in den Keller gehen", erklärt RTL-F1-Experte Christian Danner den Vorteil dieses möglichen Austragungsortes und fügt hinzu: "Außerdem passt die Infrastruktur dort, weil dort sehr viele Rennserien fahren."

Ähnlich wie in Imola stellt sich aber auch für den Circuito de Jeréz die Frage, ob die moderne Generation an Rennwagen nicht zu massiv für den Kurs ist, auf dem es zudem keine einzige lange Gerade gibt.

3. Mugello Circuit (Italien)

Die Strecke in der Toskana hat sich bei Motorsportfans längst einen Namen gemacht, doch ein Formel-1-Rennen gab es in Mugello bisher noch nie. Der Kurs ist im Besitz von Ferrari, weswegen der Rennstall in der Vergangenheit dort oft Privattests abhielt. Unter anderem bereitete sich Michael Schumacher dort 2009 auf sein geplantes Comeback im roten Renner vor. "Mugello wäre zwar abgelegen und damit gut vor den Tifosi abzuschirmen, aber alles drum herum ist zu klein, die Anfahrtswege sind einfach nicht für die Formel 1 gemacht", hält Danner einen Grand Prix für unwahrscheinlich. Die Strecke an sich gefalle ihm aber: "Es gibt eine lange Gerade und viele schnelle Kurven, das wäre eine tolle Herausforderung für die Fahrer."

Der italienische Journalist Andrea Cremonesi hält ein Rennen in Mugello dagegen für sehr gut möglich und macht dafür einen bestimmten Grund verantwortlich: "Mugello ist für die Woche nach Monza Ende September eingeplant. Das hätte neben der Logistik den weiteren Vorteil, dass es das 1000. Rennen für Ferrari in der Formel 1 wäre – auf der eigenen Strecke!" Laut Cremonesi macht sich neben Ferrari auch der italienische Automobilclub (ACI) für einen Grand Prix in Mugello stark. Sogar der örtliche Bürgermeister machte kürzlich Werbung für die Strecke.

Neben dem Jubiläums-Bonus könnte sich die mittelmäßige Infrastruktur und die Lage weit außerhalb einer Großstadt in diesem Fall als Vorteil erweisen, da die möglicherweise unerlaubt an die Strecke kommenden Tifosi durch die begrenzten Eingänge viel besser kontrolliert werden können als in Imola. Zudem ist die Toskana eine der Regionen in Italien, die am schwächsten von dem Coronavirus getroffen wurde.

2. Hockenheimring (Deutschland)

Nach den phänomenalen Rennen 2018 und 2019 hat sich der Hockenheimring bei vielen Fans einen Platz im Herzen erobert. Für einen Platz im ursprünglichen Kalender für 2020 reichte es trotzdem nicht. "Strecken, die in der Vergangenheit schon beweisen konnten, einen Grand Prix  erfolgreich ausrichten zu können, haben von Haus aus einen Vorteil. Hockenheim war ja sogar noch letztes Jahr im Kalender, das macht das Ganze umso besser", sieht Danner einen entscheidenden Vorteil für die Strecke in Baden-Württemberg.

Cremonesi vermutet dagegen etwas anderes: "Es könnte sein, dass sie sich das Vorrecht auf einen Grand Prix sichern und die Rechte dann etwas teurer an einen anderen Bewerber weiterverkaufen. Das wäre eine wirtschaftlich gute Entscheidung. Sie scheinen ja sowieso Finanzierungsschwierigkeiten zu haben, letztes Jahr musste Mercedes als Titelsponsor einspringen, damit der Grand Prix stattfinden konnte."

Was die Infrastruktur angeht ist Hockenheim mit Sicherheit der am besten aufgestellte Kandidat. Allerdings gibt es durch den Standort Deutschland den Nachteil, dass ein Termin Ende Oktober oder im November wetterbedingt nur schwer möglich ist. Hier sind die südlich gelegeneren Strecken klar im Vorteil.

1. Algarve International Circuit Portimao (Portugal)

Portimao
Eine Runde in Portimao ist eine echte Berg-und Talfahrt
© Imago Sportfotodienst

Der aussichtsreichste Kandidat ist einer, von dem die meisten wohl nur recht wenig wissen. Die Strecke an der südportugiesischen Hafenstadt wurde in der Saison 2009 für die Wintertestfahrten genutzt, die Nachwuchsklasse GP2 (heute Formel 2) hielt im selben Jahr ein Rennwochenende auf dem Kurs ab. Der Veranstalter warf erst kürzlich den Hut für eine GP-Ausrichtung in den Ring.

"Es gibt konkrete Gespräche zwischen der FOM und den Streckenbesitzern über einen Doppel-Event für den 27. September und 4. Oktober in Portimao", erklärt Cremonesi die fortgeschrittenen Gespräche über einen Portugal-Grand-Prix. Außerdem gebe es ein weiteres Argument für den Austragungsort: "Portimao besitzt einen großen Hafen, somit können die Teams mit englischem Hauptsitz alles Nötige schnell und unkompliziert anschiffen. Zudem sind die Corona-Infektionszahlen in kaum einem europäischem Land so niedrig wie in Portugal."

Erst 2008 errichtet befindet sich die Strecke in einem einwandfreien Zustand und könnte der Formel 1 so ein gutes, kurzfristiges Zuhause bieten. Schon seit einiger Zeit arbeitet die Königsklasse an einer Rückkehr des Grand Prix von Portugal, der bis in die 1990er in Estoril stattfand. Bei Fahrern ist der Algarve International Circuit wegen seiner Höhenunterschiede und schnellen Kurven sowieso äußerst beliebt. Es wäre eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.