Unerklärliche Fehler

Kein Heck, kein Vertrauen, kein „Mojo“ - was ist nur mit Sebastian Vettel los?

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07. Juli 2020 - 9:32 Uhr

Von Martin Armbruster

Wie etwas erklären, für das es eigentlich keine Erklärung gibt? Etwa, warum ein viermaliger Formel-1-Weltmeister zum x-ten Mal in den vergangenen Jahren einen Fehler macht, "der einem Nachwuchsfahrer passieren sollte und nicht Sebastian", wie Ralf Schumacher höhnte. Was zum Henker ist nur mit Sebastian Vettel los?

"Puh, unerklärlich irgendwie"

"Das war eine eklatante Fehleinschätzung der Situation, so, wie es ihm jetzt auch so oft passiert ist", analysierte RTL-Experte Nico Rosberg Vettels Verbremser in der 31. Runde des F1-Wahnsinns von Österreich.

Klare Worte, bei der Frage nach dem Warum guckte aber auch Rosbergs ratlos, fast schon mitleidig und zuckte mit den Schultern. "Puh, unerklärlich irgendwie."

Der Gescholtene selbst tat sich da etwas leichter bei der Diagnose, weshalb er vor der Remus-Spitzkehre zu spät in die Eisen gestiegen war, seinem Ferrari-Nachfolger Carlos Sainz in die Kiste fuhr, sich drehte und ein sowieso schon schweres Rennen komplett versaute.

Vettel schiebt Ferrari den schwarzen Peter zu

"Ich habe große Schwierigkeiten gehabt, das Auto auf der Strecke zu halten", resümierte Vettel das Steiermark-Debakel am RTL-Mikro. Sein SF1000 sei ganz anders gewesen als noch am Freitag beim Training, der Verbremser in der Remus "war nicht der Einzige".

Überhaupt sei "unter normalen Umständen" für Ferrari momentan nicht mehr drin als sechste oder siebte Plätze, so der 33-Jährige. Tenor der Vettel-Nachlese: Die Scuderia hat mir eine rote Gurke vorgesetzt, die kaum fahrbar ist.

Eine Kritik, die wiederum Rosberg nicht schmeckte. "Ernüchternd" sei es, wie sich Vettel herausreden wolle, urteilte der Weltmeister von 2016 und verwies auf Stallrivale Charles Leclerc, der den turbulenten Rennverlauf ausnutzte und dank einer fehlerfreien Leistung Zweiter wurde.

Vettels Anfangsjahre in Rot brillant

Mit unterlegenem Material das Maximum herausholen – was Leclerc in Österreich gelang, zeichnete auch Vettel in seinen ersten Ferrari-Jahren aus. Obwohl sein roter Renner meist langsamer war als die Silberpfeile von Mercedes, schaffte Vettel beachtliche Ergebnisse, zwang Dominator Lewis Hamilton zumindest 2017 und 2018 einen Titelkampf bis in die zweite Saisonhälfte auf.

In diesen Jahren brillierte Vettel mit konstanten, präzisen Runden am Limit - bis zu seinem bitteren Aus beim Heim-Grand-Prix 2018 in Hockenheim.

Seit dem Kiesbett-Albtraum in der Sachs-Kurve, so scheint es, ist beim Deutschen der Wurm drin. Vettel verschätzt sich seither jedenfalls auffällig oft. Gefühlt patzt der einstige F1-Herrscher bei jedem zweiten Grand Prix. Empirisch ist es nicht ganz so schlimm, dennoch sprechen die Leistungen der letzten zwei Jahre insgesamt gegen Vettel.

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Kiesbett-Albtraum: 2018 warf Vettel einen sicher geglaubten Sieg beim Heim-GP in Hockenheim weg.
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Gewaltiger Druck und nervöses Heck

Warum diese vielen Fehler? Ein Erklärungsansatz ist der große Druck, der seit seinem Amtsantritt in Maranello 2015 auf Vettel lastet. Mit der Scuderia Weltmeister werden wie einst Michael Schumacher. Die Erwartungen aller – Vettel, der Tifosi, der Ferrari-Bosse – waren gewaltig. Im Duell mit dem wie ein Buddha in sich ruhenden Hamilton schienen sie ihn bisweilen zu erdrücken.

Ein anderer Erklärungsansatz: Vettel hatte in seinen ersten Jahren in Rot zwar nicht das absolut beste Material unterm Hintern, aber immerhin ein Auto, das seinem Fahrstil entgegenkam, dem er vertraute. Das ist seit 2019 nicht mehr der Fall. Mit dem nervösen Heck des 2019er Ferrari kam Vettel überhaupt nicht klar. Auch jetzt in Österreich klagte er wieder über eine instabile Hinterachse des neuen SF1000.

Vettel ist nicht Schumacher

Weil Vettel mit seinem Dienstwagen nicht fahren kann, wie er es gerne hätte, geht der viermalige Weltmeister immer wieder übers Limit, verschätzt sich, verbremst sich, dreht sich, minimiert sich. Fehlendes Vertrauen ins Auto, dazu der Druck, es endlich mit Ferrari schaffen zu müssen – das mag einige Böcke erklären. Aber Anfängerfehler wie in Spielberg?

Die Kunst des Formel-1-Handwerks besteht ja gerade darin, einen bockigen Boliden zu zähmen und das beste aus einer widerspenstigen PS-Diva zu machen. So wie Michael Schumacher, der 1996 trotz roter Gurke drei Siege gegen die damals übermächtigen Williams einfuhr. Vettel aber ist nicht Schumacher – der von außen gezogene Vergleich war eigentlich auch immer ein unfairer.

"Sebastian muss wieder von ganz unten anfangen"

Vettel glänzte vor allem zu Beginn seiner Karriere, als er – im "Jugendwahn" – nahezu jedem Druck standhielt und in dramatischen WM-Entscheidungen 2010 und 2012 einen fast schon skandinavisch kühlen Kopf bewahrte. Allerdings hatte er in seiner "Bullen"-Zeit meist ein überlegenes Auto, mindestens aber eins, das voll zu seinem Fahrstil passte.

Seit gut eineinhalb Jahren kämpft Sebastian Vettel mit sich und seinem Ferrari. Dass ihn die Scuderia trotz überwiegend guter Leistung (betrachtet man die ganzen viereinhalb Jahre) einfach abservierte, macht alles gewiss nicht leichter.

"Sebastian muss jetzt wieder von ganz unten anfangen, die vier WM-Titel zählen nichts mehr", mahnte Rosberg in seiner Spielberg-Analyse. Das ist sicher richtig. Wenn Vettel auch 2021 in der Formel 1 fahren will, muss er jetzt liefern und zeigen, dass er auch aus einem schlechten Auto das Beste machen kann.

Mit Patzern wie in Spielberg löscht er dagegen auch das letzte Fünkchen Hoffnung, kommendes Jahr im Mercedes zu fahren.

Parallele zu Schumachers letztem Kapitel

ARCHIV - 25.11.2012, Brasilien, São Paulo: Der deutsche Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel (l) feiert mit Michael Schumacher im Autodromo Jose Carlos Pace seinen dritten Weltmeistertitel in Folge. (zu dpa "Vettel erinnert sich an Momente mit Vorbild Sc
Michael Schumacher (r.) und Sebastian Vettel fuhren in der Formel 1 drei Jahre (2010-2012) gegeneinander
© dpa, Jens Büttner, jbu nic kno

Vielleicht hat Vettel aber auch einfach sein "Mojo" für die Formel 1 verloren – das Selbstvertrauen, der Beste zu sein, gepaart mit der unbedingten Lust aufs Rennfahren.

Was wirklich wichtig sei, habe er sich während der Corona-Pause gefragt, sagte Vettel, nachdem sein Aus bei Ferrari feststand. Für den 33-Jährigen sind das Frau Hanna und die drei Kinder, das ist allzu verständlich und eigentlich ganz normal. Vielleicht also ist Vettel einfach nicht mehr der Alte – und wird es auch nicht mehr.

Zumindest hier gibt es eine Parallele zu Schumacher. Auch der Rekordchampion war nach seinem F1-Comeback 2010 nicht mehr der verbissene Ehrgeizling früherer Tage. Auch Schumacher unterliefen während seines letzten F1-Kapitels teils haarsträubende, unerklärliche Schnitzer. Fehler, die ihm zu Glanzzeiten nie passiert wären.

Und doch wirkte Schumacher stets völlig gelassen, mit sich im Reinen. Leben und leben lassen, Patzer nahm er in Interviews lässig auf seine Kappe.

Vielleicht reißt Sebastian Vettel das Ruder ja mit aller Macht noch mal herum. Wenn nicht, sollte er einfach den späten Schumi-Style übernehmen und die letzten Monate in der Formel 1 locker-leicht zu Ende knattern.