Formel-1-Experte Timo Glock: Sebastian Vettel hat den größten Druck

Timo Glock wird in der kommenden Saison für RTL als F1-Experte am Start sein
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23. März 2018 - 16:21 Uhr

Mercedes machte bislang den besten Eindruck

Timo Glock glaubt, dass Sebastian Vettel und Ferrari gleich zu Saisonbeginn am Sonntag in Melbourne/Australien (Sonntag, ab 6 Uhr live bei RTL oder online im RTL-Live-Stream bei TVNOW.de und in der TV NOW App) Mercedes zeigen sollten, wo der Hammer hängt. Allerdings bedeute dies für die Scuderia auch, dass der italienische Rennstall den größten Druck von allen Teams habe.

Nico Hülkenberg und Renault an den Top-Teams dran

Motorsport: Formel-1-Weltmeisterschaft, Grand Prix von Aserbaidschan, 3. Freies Training am 24.06.2017 in Baku (Aserbaidschan). Der Deutsche Nico Hülkenberg vom Renault Sport F1 Team sitzt in der Box in seinem Rennwagen. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa +
Timo Glock traut Nico Hülkenberg und Renault zu, dass sie Druck auf die Top-Teams ausüben können
© dpa, Efrem Lukatsky, EL hpl

Timo, welche Erkenntnisse haben Sie aus den Testfahrten ziehen können?

"Für den Moment scheint es, dass Mercedes den besten Job gemacht hat, das Team ist wieder sehr, sehr stark aufgestellt und war auf den Long Runs eindeutig am stärksten. Ferrari war auf der Qualifying-Runde rund eine Sekunde stärker als Red Bull, hat in der Hinsicht also auch einen sehr guten Job gemacht. Wie es scheint, haben aber Ferrari und Red Bull Probleme auf der Distanz. Ich bin gespannt, ob Mercedes dann in Australien eine ähnlich schnelle Runde hinzaubern kann wie Ferrari in Barcelona. Man fühlt sich da offensichtlich sehr sicher, deshalb hat man die Tanks bei den Tests nie ganz leer gemacht."

Viele Beobachter waren beeindruckt von der Performance von Red Bull ….

"Red Bull hat wieder einen Schritt gemacht, aber ob es langt, um mit den zwei Top-Teams am Ende um den Titel zu kämpfen, ist die Frage. Die Vorbereitung lief auf alle Fälle reibungsloser als im Vorjahr, so konnte man viel testen. Es ist schwer zu sagen, was die noch in der Hinterhand hat, ich bin mir aber nicht sicher, ob Red Bull wirklich schon auf Augenhöhe mit Mercedes und Ferrari fährt."

Welche Chancen hat Renault mit seinem deutschen Fahrer Nico Hülkenberg, die drei Großen zu ärgern?

"Renault hat ein solides Auto gebaut und den größten Schritt von allen Teams nach vorne gemacht. So dürfte es das erste Verfolgerteam unter den Top-Teams sein. Das ist eine gute Ausgangsposition für Nico Hülkenberg. Wenn es im Spitzenfeld mal Probleme gibt, hat er durchaus die Chance, mal aufs Podium zu fahren. Aus eigener Kraft traue ich es ihm und dem Team jedoch nicht zu."

"Vettel hat den größten Druck" in diesem Jahr

F1 Formula One - Formula One Test Session - Circuit de Barcelona-Catalunya, Montmelo, Spain - February 27, 2018. Sebastian Vettel of Ferrari in the pit-lane during testing. REUTERS/Albert Gea
Auf Sebastian Vettel und Ferrari wartet eine riesen Herausforderung dieses Jahr
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Auf welchem Team lastet Ihrer Meinung nach in diesem Jahr der größte Druck?

"Ferrari und Sebastian Vettel stehen sicher am meisten unter Druck. Die müssen es jetzt schaffen, Mercedes von Anfang an Paroli zu bieten und den WM-Titel ganz klar als Priorität auf ihrer Liste stehen zu haben."

Sebastian Vettel unter Druck – in der vergangenen Saison haben ihm Kritiker vorgeworfen, dass er damit nicht immer souverän umgegangen ist. Das macht es 2018 nicht leichter für ihn…

"Natürlich kann der Druck positiv oder negativ sein, das haben wir letztes Jahr gesehen. Da ist dann bei ihm auch mal die Hutschnur geplatzt. Das passiert bei allen, außer scheinbar bei Lewis Hamilton, der mit so einer Lockerheit an alles rangegangen ist. Sebastian muss einfach die Ruhe bewahren. Ich bin mir sicher, wenn er weiß, dass er das Paket hat, konstant Lewis Hamilton zu schlagen, dann wird auch Ruhe einkehren und Souveränität. Dann ist er ganz oben mit dabei."

Es gab Zeiten, da waren sieben deutsche Formel 1-Fahrer gleichzeitig auf der Strecke. In der kommenden Saison gehen mit Sebastian Vettel und Nico Hülkenberg zwei deutsche Piloten an den Start. Haben Sie eine Erklärung für diesen Rückgang?

"Gute Frage. Ich glaube, das ist so eine typische Wellenbewegung in der Formel 1. Der Nachwuchs in Deutschland hängt momentan ein bisschen hintendran und die Jungs tun sich schwerer, in den ganzen Nachwuchsserien zu überzeugen und dabei das Budget sicherzustellen. Zu meiner Zeit war es einfacher, weil man auch ein bisschen mehr Tests zur Verfügung hatte."

Wie denken Sie über das Cockpit-System Halo? Wie wichtig ist das für die Sicherheit der Fahrer?

"Für die Sicherheit ist es natürlich der richtige Weg, aber optisch gesehen ist es für mich ein Graus. Ein Formel-1-Auto mit so einem Sicherheitsbügel zu sehen, das nimmt den Autos völlig ihre Ästhetik. Aber die Autos werden immer schneller, haben eine unfassbare Querbeschleunigung und einen Speed, der in den Kurven immer noch den Kopf als Schwachpunkt ausmacht. Da versucht man natürlich, einen Weg zu gehen, das sicherer zu machen. Aber ich glaube, ein bisschen gehört das Gefährliche zum Sport dazu und deswegen würde ich mich freuen, wenn man vielleicht eine andere Lösung findet."

Timo Glock will so viel wie möglich für den Zuschauer 'transportieren'

Formel 1 bei RTL: Timo Glock ergänzt Experten-Team. Der 34-jährige DTM-Fahrer ersetzt bei Bedarf Niki Lauda und wird auch im weiteren Verlauf der Saison Einsätze bekommen. (Archivbild)
Timo Glock sammelte bereits Erfahrung als TV-Experte
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Die Zahl der erlaubten Antriebskontingente schrumpft auf drei. Ist das verkraftbar für die Teams oder sind da Strafen, sprich Versetzungen programmiert?

"Ja, das wird zu etlichen Strafversetzungen führen. Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist, weil so die Meisterschaften eher mit technischen Defekten entschieden werden. Ich glaube, es muss mehr um den Sport gehen und nicht darum, ob man jetzt drei, vier, oder fünf Motoren braucht. Das ist für den Zuschauer am Ende doch egal. Was der Zuschauer sehen will, ist der Kampf Mann gegen Mann. In den letzten Jahren haben unter der alten Regelung Renault, Ferrari und besonders Honda gelitten. Denen wird das neue Reglement besonders zu schaffen machen, während Mercedes zuletzt am beständigsten war und das wohl auch bleiben wird."

Eine weitere Regeländerung sind die Reifenmischungen: es gibt jetzt sieben statt fünf Trockenreifen, also eine noch größere Auswahl. Wird dadurch die Formel 1 noch spektakulärer?

"Ich bin gespannt, da wird es sicher wieder große Unterschiede geben, wie die Fahrer, aber auch die Autos mit den Reifen umgehen. Es kann durchaus sein, dass es dadurch nochmal schwieriger wird, die Reifen über die Distanz hinweg besser zu nutzen. Für den Zuschauer wird es vielleicht ein bisschen schwieriger, den Überblick bei so viel Reifenauswahl zu behalten. "

Liberty Media hat bereits einige Steine umgedreht, um die Formel 1 für Zuschauer attraktiver zu machen. Was sehen Sie besonders kritisch?

"Ich bin einfach kein Fan von Autos, die aerodynamisch zu stark entwickelt werden, weil da die Top-Teams mit dem größten Budget die Nase vorne haben werden und das Überholen viel, viel schwieriger wird. Man hat es letztes Jahr gesehen: es sind deutlich weniger Überholvorgänge zustande gekommen, weil die Autos nicht mehr so nah hintereinander herfahren können und man eben immer noch zum Überholen das DRS-System benötigt. Es muss eher der Weg sein, auch ohne DRS überholen zu können, aber das wird wahrscheinlich in den nächsten zwei Jahren nicht der Fall sein."

Welches Potenzial hat die gewünschte Eventisierung der Rennwochenenden?

"Ich glaube, man muss die Formel 1 einfach noch mehr öffnen, dem Fan noch mehr die Möglichkeit geben, näher dran zu sein. Momentan halten sich Fahrer und Teams noch in so einer Art Käfig auf, an den der Fan überhaupt nicht ran kommt. Das geht deutlich offener."

Was ist Ihr Ehrgeiz als TV-Experte an der Rennstrecke?

"Ich will in der Kürze der Zeit so viel wie möglich transportieren, aus der Fahrerperspektive erklären, wer welche Fehler gemacht hat. Die Herausforderung ist dabei, Rennsituationen so verständlich zu schildern, dass sie für die Zuschauer quasi erlebbar werden. Ich kann mich auch als DTM-Fahrer noch sehr gut hineinversetzen in die Fahrer in ihren Formel-1-Autos und bin sehr gut vernetzt. All das bringe ich mit, wenn ich neben Florian König stehe."