Kaserne war Drogenumschlagplatz

Folter und Erpressung: Carabinieri in Norditalien aufgeflogen

Im norditalienischen Piacenza sollen Polizisten schwere Straftaten begangen und eine Kaserne als Drogenumschlagplatz genutzt haben.
Im norditalienischen Piacenza sollen Polizisten schwere Straftaten begangen und eine Kaserne als Drogenumschlagplatz genutzt haben.
© Guardia di Finanza

24. Juli 2020 - 12:40 Uhr

Polizisten begingen in Piacenza schwere Straftaten

Im norditalienischen Piacenza sollen Polizisten schwere Straftaten begangen und eine Kaserne als Drogenumschlagplatz genutzt haben. Sechs Carabinieri sitzen in Untersuchungshaft, vier weitere stehen unter Hausarrest. Neben Drogenhandel werden ihnen Folter und Erpressung vorgeworfen.

Drogen beschlagnahmt und weiterverkauft

Carabinieri, die sich die Beute teilen. Die eine konkurrierende Drogenhändlerbande verhaften und deren Drogen beschlagnahmen, um sie dann selber weiterzuverkaufen: Italiens Öffentlichkeit ist schockiert über die Vorwürfe. Denn den Carabinieri bringt jeder Italiener das größte Vertrauen entgegen. Sie verkörpern die Staatsmacht, sind Angehörige der ältesten Polizeitruppe Italiens. Und jetzt das. Besonders peinlich: Die Vorgesetzten scheinen von dem kriminellen Treiben nichts mitbekommen zu haben.

Drogenkuriere konnten ungehindert reisen

Kaserne der Carabinieri in Piacenza
Die Kaserne in Piacenza sollen die Carabinieri als Drogenumschlagplatz genutzt haben.
© Guardia di Finanza

Die verhafteten und unter Hausarrest gestellten Polizisten wurden von ihren Funktionen befreit, das Gehalt wurde ihnen sofort gesperrt. Nach Auffassung der Staatsanwälte hat die Carabinieri-Bande seit mindestens sechs Jahren ihr Unwesen getrieben. Und alles ist weit schlimmer als zunächst befürchtet: Pusher aus der Kaserne stellten einem Drogenhändler eine Sondergenehmigung aus, mit der er auch in der Zeit des Corona-Lockdowns ungehindert als Drogenkurier durch ganz Italien kutschieren konnte: Bei jeder Kontrolle wurde er durchgewinkt, er war ja "im Auftrag der Carabinieri" unterwegs, mit offiziellem Papier.

Der als Chef der Bande festgenommene Unteroffizier Giuseppe Montella besaß 16 Motorräder und elf Autos und verfügte über 44 Bankkonten. Er hatte einen Lebenswandel, der im Viertel, so berichten es Anwohner, kein Geheimnis war. Wer alles hat die Bande gedeckt?

"Niemand kann uns rankriegen", brüstete sich einer der Carabinieri: Aber er wusste nicht, dass die Steuerfahnder bei seinem Geprahle mithörten, als er fortfuhr: "Kennst du die Szene aus dem Film Gomorra (der im Drogenmilieu Neapels spielt), fragte er einen Spießgesellen in Uniform. "Das war jetzt genauso, du hättest mal sehen sollen, wie ich den Kerl verprügelt habe."

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Prügel und Folter bei Carabinieri an der Tagesordnung

Die Polizisten sollen nicht nur geprügelt haben, sagt die Staatsanwaltschaft, sondern auch regelrecht gefoltert, um Informationen aus dem Drogenmilieu zu erpressen. Krankenhausreif geschlagen wurden in aller Regeln Drogenverkäufer, die die Ware nicht gut verkauften, Konkurrenten, Mitwisser. Ausländischen Drogenhändlern, die ihnen Konkurrenz machen wollten, sagte man klipp und klar: "Entweder verkaufst du unser Zeug, oder wir nehmen dich hopp." Das konnten sie ja. Sie erfanden Straftaten, nichtsahnende Gerichte segneten diese dann ab. Und am Ende gab es sogar noch eine Belobigung für den tollen Einsatz. Für den Drogen-Carabinieri – aber das wusste ja keiner. Außer im Milieu, aber die redeten ja nicht, aus gutem Grunde.

Ihre Stärke war nicht nur die in Italien hoch angesehene Uniform, sondern dass alle Carabinieri in der Kaserne mitmachten. Sie waren wie eine verschworene Mafiafamilie. Aber eben in Uniform. Während der Corona-Zeit veranstalteten sie, im besten Gangsterstil, Poolpartys mit Prostituierten. Ud als sich eine Nachbarin beim Carabinieri-Notruf 112 über den Lärm beschwerte, unternahmen auch die Polizisten des Einsatzkommandos nichts gegen die "Kollegen" bei der lustigen Party: Es waren ja eben Kollegen, nein, im Gegenteil. Die arme Dame, die sich beschwert hatte, bekam danach Ärger mit dem Drogenhändler in Uniform: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Schmach für Italiens Polizei

Für Italiens Elitepolizei ist der Skandal aus Piacenza eine enorme Schmach. Noch nie wurde eine ganze Kaserne von der Justiz zur Beweissicherung beschlagnahmt. In Piacenza rechnet man damit, dass bald weitere Köpfe rollen. Es scheint unglaublich, dass aber auch kein einziger Kollege oder Vorgesetzter etwas vom verbrecherischen Treiben der Bande mitbekommen haben will.