Flutkatastrophe auf dem Balkan: Behörden warnen vor Seuchen

21. Mai 2014 - 16:39 Uhr

Zerstörung so groß wie nach dem Bosnien-Krieg

Die schwerste Flutkatastrophe auf dem Balkan seit über 100 Jahren nimmt immer größere Ausmaße an. Der bosnische Außenminister Zlatko Lagumdzija sagte, mehr als ein Viertel der Bevölkerung sei durch die Überschwemmungen in Mitleidenschaft gezogen.

Balkan, Bosnien, Serbien
Tierkadaver könnten die Wasserversorgung gefährden und Krankheiten auslösen.
© REUTERS, SRDJAN ZIVULOVIC

Über 100.000 Wohnhäuser und andere Gebäude seien nicht mehr nutzbar. Die Zerstörung im Lande sei mindestens genau so groß wie nach dem dreijährigen Bosnien-Krieg Mitte der 1990er Jahre. Auch nach dem Ende der tagelangen Regenfälle ist noch kein Ende der Katastrophe in Sicht. Aus Kroatien rollte eine neue Flutwelle des Flusses Sava auf Nord-Bosnien und den Westen Serbiens zu.

Über eine Million Menschen in Bosnien hätten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, sagte der Minister. Das entspricht mehr als einem Viertel der Bevölkerung des kleinen Balkan-Landes. Mehr als 500.000 Menschen mussten ihre Häuser und Wohnungen wegen der Fluten verlassen. "Im Krieg haben viele Menschen alles verloren. Heute stehen sie wieder vor dem Nichts", sagte Lagumdzija.

Die EU kündigte an, ihre Hilfe für die Flutopfer verstärken zu wollen. EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa sagte, die Unterstützung gehe mittlerweile über das hinaus, was ursprünglich von Serbien und Bosnien-Herzegowina erbeten worden sei.

14 Staaten hätten Hilfe eingeleitet, etwa 450 Helfer aus den EU-Ländern seien bereits an Ort und Stelle. Bei steigenden Temperaturen könnte von Tierkadavern verunreinigtes Wasser zu Krankheiten wie Typhus oder Hepatitis führen, warnte der Leiter des Gesundheitsamts in Sarajevo im bosnischen Fernsehen.

Es gehe nun darum, eine sichere Wasserversorgung zu gewährleisten. Auch deutsche Helfer sind bereits im Einsatz. Tagelanger Regen hatte die Überschwemmungen ausgelöst. "Es ist schnell klar geworden, dass der Bedarf so riesig ist, dass wir die Hilfe aufstocken mussten", sagte EU-Kommissarin Georgiewa. Derzeit leiste die EU vor allem akute Nothilfe, in Zukunft werde es auch um den Wiederaufbau gehen.

Serben bereiten sich auf weitere Flutwelle vor

Der Einsatz in Bosnien-Herzegowina sei "sehr komplex": Dies liege nicht nur an der Aufteilung des Landes unter verschiedenen ethnischen Gruppen, sondern auch daran, dass die Schäden zum Teil in Gebieten entstanden, die bisher noch nicht von Landminen befreit seien.

Die Minenaktionszentren (MAC) in Serbien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien stellten ein Team zusammen, das die Gefahr durch Sprengkörper aus dem Krieg in den 90er Jahren einschätzen soll. Das MAC in Sarajevo warnte, die Minen könnten von Wasser und Schlamm hochgespült und fortgetragen werden.

Eine Mine sei auch nach Jahren noch eine tödliche Gefahr, selbst wenn der Zündmechanismus feucht geworden sei. "Es gibt keine nicht-tödliche Mine", sagte Sasa Obradovic vom MAC. Allein in Bosnien-Herzegowina liegen laut MAC noch etwa 120 000 Landminen aus dem Krieg zwischen Serben, Kroaten und Muslimen. Die Gegenden um Doboj und Olovo in Bosnien-Herzegowina, die besonders vom Hochwasser betroffen sind, seien noch stark vermint. In Kroatien wird die Zahl der Sprengkörper auf 13.000 geschätzt.

In Serbien bereiteten sich die Menschen auf eine weitere Flutwelle vor: Millionen weitere Sandsäcke wurden entlang der Sava in Orten wie Sabac, Mitrovica, Belgrad und Obrenovac aufgestapelt. In der Nacht zum Montag hatten die Befestigungen gehalten. Etwa 7.000 der 25.000 Einwohner Obrenovacs in der Nähe von Belgrad hatten vorsorglich ihre Häuser verlassen müssen. Weite Teile der Stadt blieben unzugänglich.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Flutopfern in Bosnien-Herzegowina und Serbien ihre Anteilnahme aus. Den Familien der Opfer sicherte Merkel die Unterstützung Deutschlands und der EU zu, wie aus Kondolenztelegrammen hervorging, die das Presse- und Informationsamt am Montag veröffentlichte. Das Technische Hilfswerk (THW) lässt in der serbischen Region Kolubara in der Nähe eines Tageabbaus für Kohle seit Sonntag Großpumpen laufen. Der Einsatz sei zunächst für zwei Wochen geplant, sagte THW-Sprecherin Georgia Pfleiderer. Hilfsorganisationen riefen zu Spenden auf.