"Ich habe meinen Job geliebt!" Eine Flugbegleiterin der Air Berlin über den Weg in die Arbeitslosigkeit

28. Dezember 2017 - 17:49 Uhr

Von Noah Gottschalk

Wenn Melissa von ihrem insolventen Arbeitgeber erzählt, spricht sie immer noch von "wir". Wir – das ist Air Berlin. Knapp zwei Jahre lang war die 22-Jährige für Air Berlin in der Luft. Doch vor ein paar Wochen dann war plötzlich alles vorbei.

Noch immer ist Melissa angestellte Flugbegleiterin bei der ehemals zweitgrößten Airline Deutschlands – und das, obwohl längst kein Flieger mehr mit dem typischen rot-weißen Schriftzug abhebt. Melissa wurde freigestellt, bekommt kein Geld. Der Weg zum Arbeitsamt steht für viele Mitarbeiter in diesen Tagen auf dem Programm.

Familiäre Stimmung in der Air-Berlin-Kabine

"Ich habe meinen Job von Anfang an geliebt und liebe ihn immer noch", erzählt die 22-Jährige. Nach dem Realschulabschluss 2012 beginnt sie eine Ausbildung als Tierarzthelferin, will danach aber nicht in dem Beruf weiter arbeiten. Zu groß ist die Liebe für die Fliegerei: "Jeden Tag an einem anderen Ort zu sein, immer mit anderen Menschen, das hat mich einfach begeistert." Im Mai 2016 unterschreibt sie den Vertrag als Flugbegleiterin bei der Air Berlin.

Und noch im selben Monat steht der erste Flug an: von Düsseldorf nach Ibiza und zurück. "Mein Gott war ich aufgeregt! Aber ich habe mich vom ersten Moment an wohl gefühlt, in der Air-Berlin-Kabine herrscht immer eine total tolle und familiäre Stimmung." Von der guten Stimmung, so scheint es, ist etwas mehr als ein Jahr später nichts mehr übrig geblieben.

1,5 Milliarden Euro Schulden

Flugbegleiterin Melissa im Triebwerk einer Air-Berlin-Maschine
Melissa (22) im Triebwerk einer Air-Berlin-Maschine: "Ich habe meinen Job von Anfang an geliebt und liebe ihn immer noch".
© privat

Im Sommer 2017 kündigte der größte Geldgeber der Airline, der arabische Großaktionär 'Etihad Airways' an, keine weiteren Finanzspritzen mehr geben zu wollen. Schon lange hing die Air Berlin am Infusionsschlauch von 'Etihad', als der nun gekappt wurde, war das Schicksal des Unternehmens besiegelt. Zum Schluss haben sich rund 1,5 Milliarden Euro Schulden angehäuft. Am 15. August stellt Air Berlin einen Insolvenzantrag.

Davon erfährt Melissa aus den Nachrichten, eine offizielle Info des Unternehmens an die Mitarbeiter habe es erst Tage später im Intranet gegeben. "Dass es der Air Berlin nicht besonders gut geht, das wussten die Mitarbeiter ja schon seit zehn Jahren", erzählt Melissa. "Doch wie schnell das dann alles ging, damit hat niemand von uns gerechnet."

"Mit jedem Flug saßen weniger Passagiere im Flieger"

Drei Tage nach dem Insolvenzantrag muss Melissa wieder ran. Vor dem Abflug herrscht Chaos im Aufenthaltsraum der Crew. "Die Unsicherheit unter den Mitarbeitern war unfassbar groß", sagt sie. Auf ihren letzten Flügen hätten die Crews versucht, "das nahende Ende irgendwie zu verdrängen", erzählt die 22-Jährige weiter. "Mit jedem Flug saßen weniger Passagiere im Flieger." Manchmal habe sie sich im Crew-Raum am Flughafen zum Dienst gemeldet und dann erst erfahren, dass ihr Flug plötzlich doch gestrichen wurde.

Melissa hält trotzdem durch. Bis zum Ende. Obwohl erste Mitarbeiter schon ihre Sachen packen und das Unternehmen verlassen. Stationiert ist sie am Düsseldorfer Flughafen, zog 2016 in eine Wohnung ganz in der Nähe des Airports. Düsseldorf war der zuletzt wichtigste Standort der Airline. Allein 2016 flogen von der NRW-Landeshauptstadt aus mehr als 7,5 Millionen Menschen mit Air Berlin in die ganze Welt. Rund 30 Prozent des Geschäfts am Flughafen Düsseldorf entfielen nach Angaben des Airports auf Air Berlin.

Die letzten Landungen mit "AB"-Kennung

Air-Berlin-Mitarbeiter im Crew-Bus
Letzte Landung in Düsseldorf: Air-Berlin-Mitarbeiter auf dem Weg zum Rollfeld.
© privat

Als am 28. Oktober um 23:33 Uhr der letzte rot-weiße Flieger am Drehkreuz Düsseldorf aufsetzt, liegen sich die Mitarbeiter in den Armen. Tränen fließen, rote Luftballons in Herzform säumen das Vorfeld. "Das war unglaublich emotional, alle Kollegen, von denen viele mittlerweile Freunde geworden sind, waren da", sagt Melissa. So voll war das Rollfeld des Flughafens wohl nur selten. Nur ein paar Minuten später, um 23:45 Uhr, ist die Air Berlin dann endgültig Geschichte. In Berlin-Tegel landet der allerletzte Flieger mit offizieller "AB"-Kennung.

Auch Wochen nach diesem letzten Flug ist die Karriere-Internetseite von Air Berlin noch online. Man suche Flugbegleiter: "Dein neuer Arbeitsplatz: Die ganze Welt", wird dort versprochen. Für Melissa ist dieser Job nun vorerst Geschichte. In ihrer Dienstplan-App verschwindet ein Flug nach dem anderen, "CANCELED" steht da in Großbuchstaben. "Ich bin offiziell noch bei der Air Berlin angestellt, bin aber freigestellt und bekomme kein Geld mehr", sagt sie. Zuletzt seien das rund 1.400 Euro netto im Monat gewesen, ohne Überstunden und Spesen, "vollkommen okay", findet Melissa. Bezahlt wurde sie aber nur, wenn sie in der Luft war.

Große Unsicherheit unter den Beschäftigten

Die 22-Jährige steckt in einer schwierigen Situation. Kündigt sie ihren Arbeitsvertrag, wird sie im Falle einer Jobübernahme durch ein anderes Unternehmen nicht berücksichtigt. Kündigt sie nicht, bekommt sie aber auch kein Arbeitslosengeld. Erstmal ist sie jetzt bei einer Freundin in Köln untergekommen, ihre Wohnung in Düsseldorf will sie so schnell wie möglich loswerden. Und mit Gelegenheitsjobs ein bisschen Geld verdienen, "2019 starte ich dann nochmal einen neuen Anlauf und will mich bei anderen Airlines als Flugbegleiterin bewerben."

Gerade gebe es kaum Jobchancen auf dem Markt für eine gut ausgebildete Kraft wie sie, sagt Melissa. Einmal in der Woche trifft sie sich jetzt mit ihren Noch-Kollegen in einer Kneipe in Düsseldorf zum Stammtisch. "Wir reden über unsere Zukunft, über die schöne Zeit bei Air Berlin und auch ganz private Dinge. Wie es beruflich weiter geht, weiß aber gerade kaum jemand."

Manager kassiert noch 950.000 Euro im Jahr

Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann kann sich entspannt zurücklehnen. Während einige seiner rund 8.000 Mitarbeiter wegen der Insolvenz um ihre berufliche Zukunft bangen, kassiert er ein Grundgehalt von 950.000 Euro. Und das bis Anfang 2021 – weit über das Ende der Air Berlin hinaus. Für das erste Jahr wurde zudem ein Mindestbonus von 400.000 Euro vereinbart. Erst im Februar hatte der frühere Lufthansa-Manager den Posten des CEO übernommen. Er hatte es aber, genau wie seine Vorgänger, nicht geschafft, die Airline aus der Krise zu führen.

Die Empörung unter den Mitarbeitern über das Verhalten und die Gehälter der Manager ist groß. "Das Management hat uns zerstört und falsche Hoffnungen geweckt", sagt sie. Die Bundesagentur für Arbeit schätzt, dass sich nun rund 4.000 ehemalige Air-Berliner arbeitslos melden werden. "Viele von uns stehen hinter der Firma, aber nicht hinter der Führung", sagt Melissa. "Wir haben einfach bis zum letzten Tag das gemacht, was wir lieben: Fliegen."