Flüchtlingsrettung im Mittelmeer: Ein Kapitän und seine Albträume

"Bevor ihr uns zurückbringt, sterben wir lieber hier auf dem Meer"

Zwei Wochen hat Kapitän Ingo Werth auf einem kleinen Schiff im Mittelmeer Ausschau nach Flüchtlingen in Seenot gehalten, jetzt ist er zurück. Aber immer noch verfolgen den Hamburger die Bilder von verzweifelten Menschen in den maroden, überfüllten Schlauchbooten. Ihnen reicht selbst eine 50:50-Chance, um die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa zu wagen.

Ingo Werth
Kapitän Ingo Werth erzählt von den traumatischen Erlebnissen während seiner Flüchtlingsrettung.
dpa, Matthias Benirschke

Die Bedingungen während der Überfahrt sind meist lebensgefährlich und unmenschlich. "Bis zu 120 Menschen sind auf den meist zehn Meter langen Booten drauf. Die Männer sitzen auf dem Luftschlauch am Rand, Frauen und Kinder stehen in der Mitte, manchmal mehrere Tage lang. Im Boot schwimmt oft eine ätzende Brühe aus Salzwasser, Urin und ausgelaufenem Treibstoff", erzählt Werth.

Er konnte während seines Einsatzes vielen verzweifelten Menschen helfen, zum Teil auch schwer verletzten, ausgehungerten, schwangeren und kleinen Kindern. Die Freude über die knapp 600 Geretteten ist groß, doch neben der Erleichterung bleibt auch das Trauma. "Einmal trafen wir vor der libyschen Küste auf ein Flüchtlingsboot. Die Stimmung war aggressiv, die wollten zuerst unsere Papiere sehen", berichtet der 56-Jährige. "Die hatten ungeheure Angst, dass wir Libyer sind und sie an die Küste zurückbringen." Die Menschen sagten: "Bevor ihr uns zurückbringt, sterben wir lieber hier auf dem Meer."

Hunderttausende wagen in ihrer Not jährlich die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa – voller Hoffnung auf ein neues, besseres Leben ohne Krieg und Terror. Doch für viele Flüchtlinge endet dieser Weg, bevor sie die Küste Europas überhaupt gesehen haben.

"Europa ist Afrika einiges schuldig"

Sea Watch
Die 'Sea Watch' im Hafen von Lampedusa (Mittelmeer). Mit diesem Schiff waren der Kapitän und andere Freiwillige unterwegs.
picture alliance, picture alliance / dpa, Ruben Neugebauer

Für den Berliner Unternehmer Harald Höppner Grund genug, um sich in die Flüchtlingspolitik einzumischen und zu helfen. . Mit einem Eigenkapital von 60.000 Euro rief er Anfang des Jahres zusammen mit zahlreichen anderen, freiwilligen Initiatoren das Projekt 'Sea Watch' ins Leben. Dafür ließ er einen fast 100 Jahre alten Fischkutter umbauen, um ihn als Rettungsschiff vor die libysche Küste zu schicken. "Ich wusste sofort: Da will ich mitmachen, egal ob als Koch oder als Matrose. Denn das ist ein unglaubliches Projekt", sagt Kapitän Werth.

Auf dem Mittelmeer fungiert das Schiff als "schwimmendes Auge", auf der Suche nach Flüchtlingen in Seenot. Doch das Boot kann wegen seiner Größe selber keine Flüchtlinge aufnehmen, es assistiert anderen, größeren Rettungsschiffen. An Bord sind Helfer und Ärzte, Rettungswesten, -inseln, Wasser und Nahrung. Alles finanziert durch Eigenkapital und Spenden.

"Europa ist Afrika einiges schuldig", sagt der 56-jährige Kapitän. Viele europäische Staaten hätten sich in Afrika bereichert. Darum sieht er es auch als Verpflichtung an, etwas gegen das tägliche Sterben der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer zu tun. "Für jeden einzelnen Flüchtling, den wir retten, hat sich der Einsatz gelohnt", hält Werth fest. Aktuell ist das Schiff mit immer wechselnder Crew von Freiwilligen zum zweiten Mal auf hoher See im Einsatz.