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Flüchtlingsdrama im Mittelmeer: "Es wird Zeit, dass die EU handelt"

Flüchtlingsdrama im Mittelmeer: "Es wird Zeit, dass die EU handelt"

Ein Kommentar von Udo Gümpel

Es sind Verzweifelte. Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben, weil es das in sehr vielen Fällen gar nicht mehr gibt: Zerstört worden von Bomben, ein Kriegsschauplatz geworden.

Udo Gümpel Kommentar Flüchtlingsdrama Mittelmeer
RTL-Reporter Udo Gümpel berichtet aus Catania über das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer.

"Was würden Sie denn machen, wenn man mit Giftgas auf uns wirft, die Front jeden Tag einmal hin und zurück über unser Haus geht?" Das ist so eine Frage, die mir vor einigen Monaten ein Familienvater aus Syrien gestellt hat, auf dem Bahnhof von Mailand, neben ihm saßen seine Frau und drei Kinder. Zurückschicken? Ja wohin denn? Mit dem Fallschirm über Damaskus abwerfen? In ein Flüchtlings-Zwischenlager in einer libyschen

Küstenstadt?

Ja, die gibt es. Das berichten uns alle Flüchtlinge. Wer es nach Libyen geschafft hat, der wird von den Milizen oder direkt von IS-Gefolgsleuten in großen Lagerhallen gefangen gehalten. Wenn dann genug Leute für eine Bootsladung zusammen sind, werden sie auf einen Seelenverkäufer gesetzt. Leute, die die Lebensgefahr ahnen, werden unter Waffengewalt aufs Boot geschoben.

"Die Boote sind immer randvoll", lachte ein abgehörter Schlepper in Italien ins Telefon, während er mit seinem Kontakt in Afrika sprach. Die Schlepper verdienen viel Geld an den Flüchtlingen, sie sorgen aber nicht dafür, dass sie nach Libyen kommen. Das tun die Menschen ganz allein, aus Verzweiflung. Aus Todesangst. Sie wissen allerdings selten, dass sie dem Tode noch längst nicht entronnen sind, wenn sie an die libysche Küste gekommen sind.

Den Bootsflüchtlingen wird dort zuerst einmal das letzte Geld abgenommen. Wer viel hat, darf auf Deck, wer sehr viel zahlt, bekommt sogar eine Schwimmweste. Unsere syrische Familie bekam eine, im Dezember 2014. Die Flüchtlinge vom letzten Wochenende gar nichts. Die Ärmsten werden, das ist so Schlepper-Tradition, ins Unterdeck eingesperrt. Meist sind es die Schwarzafrikaner, Leute, die schon seit Jahren zu Fuß unterwegs sind, die den Niger und die libysche Wüste zu Fuß durchquert haben. Die eine Zeit lang von Herren Libyens für alle Arten von Arbeiten versklavt wurden und die nun - das ist deren Problem - noch daran glauben, in Europa sicher zu sein. Ihr Leben zu retten. Den kleinen Traum eines ganz normalen Lebens haben, ohne Angst vor Tod und Verfolgung. Seltsame Vorstellungen.

"Sie kommen, weil sie ihr nacktes Leben retten wollen"

Die Tragödie vom Sonntag hat sich genauso abgespielt wie viele vor ihr. Nur die Riesenanzahl der vermuteten Toten, wohl über 700, macht sie besonders. Auch der Unglaube, dass so viele Leute auf einen Seelenverkäufer von 30 Meter Länge passen, gehört zur Geschichte. Als vor zwei Jahren vor Lampedusa ein Schiff mit 450 Menschen unterging und 366 Personen dann tot vom Meeresboden geborgen wurden, konnte auch zuerst keiner diese enorme Zahl glauben. Bis man die Leichen alle einzeln geborgen hatte. Diesmal wird das nicht geschehen. Das Meer ist dort zu tief. Das Mittelmeer ist längst ein Massengrab geworden.

Nicht wenige in Europa sind damit nicht unzufrieden. Je mehr auf der Überfahrt umkommen, desto weniger werden es wagen. "Totalblockade" fordert der Führer der ausländerfeindlichen Liga Nord, Matteo Salvini. Einen Tag zuvor kämpft er für Jesus-Kreuze in den Klassenräumen, Symbole unseres christlichen Abendlandes, das es gegen die islamische Invasion zu verteidigen gelte, am nächsten Tag will er keine Seele mehr hereinlassen, in das Europa der 520 Millionen Menschen. Auf die böse Frage, ob man denn nur Moslems abweisen solle, und die verfolgten Christen per Schnellkontrolle auf offener See – eventuell ein Vaterunser beten lassen – dann an Land dürften, wüsste er mutmaßlich auch keine Antwort.

2014 sind 180.000 Menschen übers Meer nach Italien gekommen. "Neben Italien ist es vor allem Griechenland, welche als Mittelmeeranrainer die Hauptlast zu tragen haben, aber dann gehen die meisten dieser Menschen weiter nach Deutschland oder Schweden. In Wirklichkeit sind es aber ganz wenige Länder in der EU, die die Hauptlast der Flüchtlinge tragen. Die EU aber besteht aus mehr Ländern", sagt die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR, Carlotta Sami, zu uns.

In diesem Jahr werden sogar 300.000 Flüchtlinge erwartet. "Sie kommen doch nicht, weil es bei uns höhere Gehälter gibt, sondern weil sie ihr nacktes Leben retten wollen, weil die Anzahl der Kriege ringsum das Mittelmeer immer größer wird und die Konflikte selbst immer grausamer", setzt sie hinzu. Es wird Zeit, dass die EU gemeinsam handelt, Menschen rettet und die Konflikte vor Ort wirksam bekämpft.