Flüchtlingsalltag in Köln: "Nicht alle Deutschen sind gleich, nicht alle Flüchtlinge sind gleich

3. Mai 2016 - 19:24 Uhr

Von Cengiz Ünal

Es ist ein gewöhnlicher Montagabend in Köln-Holweide, einem eher ruhigen Stadtteil der Millionenmetropole. Die Kirchenglocken läuten, nur vereinzelt sind noch Menschen unterwegs. Nichts zu spüren von Großstadthektik. Hochbetrieb herrscht dagegen im internationalen Café. Hier wird bis in die Nacht fleißig Deutsch gelernt, dabei gekickert und Tee getrunken. Ein Einblick in den Flüchtlingsalltag.

Er hat es nach Deutschland geschafft – seine Frau leider nicht. Sherwan hatte in Syrien ein "anständiges Leben", wie er sagt. Er hat seine Jugendliebe geheiratet und stand kurz davor, sein Informatik-Studium abzuschließen. Sie träumten von einer gemeinsamen Zukunft – mit Haus und Kindern. Doch der Krieg rückte immer näher und der 25-Jährige musste fliehen, um nicht selbst zum Mörder zu werden. "Ich wollte keine Befehle annehmen und kämpfen." Seine Frau blieb zurück, weil das Geld nicht reichte. Auf der Flucht habe er viele Menschen getroffen, gute wie schlechte. In Bulgarien sei er sogar im Gefängnis gelandet und erst nach drei Wochen wieder freigekommen. Dann ging es zu Fuß weiter. Quer durch Europa bis nach Deutschland. An manchen Tagen musste er hungernd in der Kälte übernachten.

"Ich möchte mein eigenes Geld verdienen und meine Frau nach Deutschland holen"

Internationales Café Köln-Holweide
Das internationale Café ist für die Flüchtlinge in Köln-Holweide ein wöchentlicher Höhepunkt im tristen Alltag.

Sherwan ist erst seit zehn Monaten in Deutschland, aber sein Deutsch ist inzwischen so gut, dass er fast ohne einen Übersetzer auskommt. Während seine Mitbewohner kickern und Tee trinken, lernt der junge Kurde an einem Tisch etwas abseits für seine nächste Sprachprüfung. Die regelmäßigen Treffen im internationalen Café ist für ihn ein wöchentlicher Höhepunkt in seinem tristen Alltag zwischen Flüchtlingsheim, Behörde und Sprachschule. Denn in seiner Freizeit kann er als Flüchtling nicht viel tun – außer "denken, denken und denken". Manchmal an die schönen Jahre in der Heimat, viel mehr aber über seine ungewisse Zukunft.

Dabei hat er noch Glück: Denn im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen lebt er nicht in einer Massenunterkunft, sondern immerhin in einem Vierbettzimmer in einem nahegelegenen Hotel. Sein neues Zuhause ist gerademal 15 Quadratmeter groß. Privatsphäre gibt es hier nicht. "Es ist ein offenes Gefängnis für unbestimmte Zeit, aber immer noch besser als im Krieg zu sterben", sagt er.

Am Nebentisch sitzt Hassan und unterhält sich in gebrochenem Deutsch mit seinem Paten Pascal, Wirtschaftsstudent und Mitbegründer des Flüchtlingscafés in Holweide. Viermal musste Hassan bisher innerhalb von Deutschland umziehen. In Köln fühle er sich am wohlsten, sagt er. Auch die Übergriffe in der Silvesternacht am Hauptbahnhof haben daran nichts geändert. "Nicht alle Deutschen sind gleich, nicht alle Flüchtlinge oder Syrer sind gleich", sagt der 27-Jährige, der in seiner Heimat ein Jura-Studium abgeschlossen hat. Zusammen mit seinen Kumpeln verteilt Hassan Flugblätter und demonstriert vor dem Kölner Dom, um sich von den Überfällen abzugrenzen. "Deutschland hat für uns mehr getan als irgendein anderes europäisches oder arabisches Land", wiederholt Hassan seine Worte von den Flugblättern. "Da sollten wir mehr als dankbar sein."

Hassan hat sich zwar sehr gut eingelebt, ihm fehlt aber noch eine ganz wichtige Sache: die Aufenthaltserlaubnis. Der 27-Jährige will nicht zu negativ denken, weiß aber auch: "Es liegt alles in den Händen der Politiker." Von heute auf morgen könnte er abgeschoben werden. "Was, wenn das Dublin-Verfahren wegfällt? Ich weiß dann nicht wohin." So fremd alles hier noch für ihn ist, kann er Deutschland noch nicht so richtig als sein neues Zuhause sehen: "Ich bin in Syrien geboren, habe 27 Jahre meines Lebens dort verbracht. Ich kann nicht von heute auf morgen alles vergessen." Sollte der Krieg eines Tages vorbei sein, würde er zurückkehren wollen, sagt er. Ob und wann in Syrien wieder Frieden herrschen wird, steht in den Sternen. Bis dahin heißt es auch für ihn weiterhin fleißig Vokabeln pauken.

Seine "zweite Heimat", wie Sherwan Deutschland nennt, kannte er nur aus dem Fernsehen. Angela Merkel und deutscher Fußball. Jetzt ist er hier und muss wie zigtausend andere Flüchtlinge mit seinem Leben komplett bei null anfangen. Sein Studium wird hier nicht anerkannt. Er möchte seine Chance dennoch nutzen und im kommenden Semester anfangen zu studieren. Und dann eine Arbeit finden: "Ich möchte mein eigenes Geld verdienen und meine Frau nach Deutschland holen." Einen Antrag habe er schon gestellt, aber es könne Monate dauern, hätten die Behörden ihm gesagt. Vielleicht wird es aber auch gar nicht möglich sein.