2014 M01 9 - 12:30 Uhr

Der Fleischatlas – eine alarmierende Warnung

Seit Urzeiten isst der Mensch Fleisch. Im Fleisch von Kühen, Schweinen, Wildbret und Geflügel stecken wichtige Nährstoffe für uns. Doch was die Menschen in den Industrieländern in sich reinstopfen, hat nichts mehr mit Gesundheit zu tun. Vielmehr macht der Konsum krank, vor allem das Klima und natürlich die Tiere, die in der Massentierhaltung ein unwürdiges Dasein fristen und nicht mehr als eine Billigware sind.

Um auf die groben Missstände und Missverständnisse beim Fleischkonsum hinzuweisen, haben die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen, die Zeitung 'Le Monde Diplomatique' und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) den sogenannten 'Fleischatlas' herausgegeben. Auf knapp 50 Seiten wird dokumentiert, wie viele Tiere wir essen und welche Auswirkungen das hat.

Im Durchschnitt isst jeder Deutsche in seinem Leben 1.094 Tiere, verteilt auf vier Rinder, vier Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Und natürlich sind es die Menschen in den Industrieländern, die in besonderem Maße zuschlagen. Rund 60 Kilogramm Fleisch isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr. In den ärmsten Ländern der Welt liegt der Fleischkonsum dagegen unter 10 Kilogramm pro Jahr. Spitzenreiter in Deutschland ist Thüringen, wo Männer mehr als 70 kg Fleisch verdrücken.

In Deutschland gibt es nur 1,5 Millionen Vegetarier. Aber 85 Prozent der Deutschen essen nahezu jeden Tag Fleisch. Mit verheerenden Folgen für die Artenvielfalt und das Klima. Denn vor allem in Argentinien und Brasilien werden Wälder und gerodet, um Weideflächen zu gewinnen. Im Amazonasgebiet in Nord-Brasilien ist die Zahl der Weideflächen zwischen 1975 und 2006 um 518 Prozent angewachsen – zu Lasten der grünen Lunge unserer Erde.

Überhaupt ist die Landwirtschaft einer der größten Verursacher von Umweltbelastungen, und das zu großen Teilen wegen der Fleischproduktion. 40 Prozent der Methanemissionen in den Industrieländern gehen auf Kosten der Landwirtschaft, sogar 70 Prozent der Stickstoff-Emissionen. Die Wasserverschmutzung mit Phosphor und Nitraten geht fast ausschließlich von der Landwirtschaft aus. Die Überdüngung der Felder sorgt für Sauerstoffmangel in den Meeren, vor allem in Küstennähe. So sind besonders in den Deltas vieler Flüsse schon Todeszonen für Meeresbewohner entstanden, vor allem in Asien, aber auch in der Ostsee, vor der nordspanischen Küste und in der Adria.

Fleisch macht also krank. Und es raubt Hunderten von Tier- und Pflanzenarten den Lebensraum. Außerdem fressen die Tiere, was das Zeug hält. Sie fressen Pflanzen, die genauso gut wir Menschen essen könnten. Fast zwei Drittel der hiesigen Agrarflächen dienen inzwischen der Erzeugung von Futtermitteln. Weltweit wachsen Futtermittel auf einem Drittel des kultivierten Landes.

Fleischindustrie ist unglaublich wasserintensiv

Der steigende Fleischkonsum macht Land mehr denn je zu einem wertvollen Gut", sagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Dies habe verheerende Folgen: "Die Kleinbauern verlieren zunehmend ihr Land und damit ihre Nahrungs- und Existenzgrundlage. Das Schnitzel auf unserem Teller geht also nicht selten auf Kosten der Ernährungssicherheit zahlreicher Menschen im Süden dieser Welt", kritisiert Unmüßig.

Und die Bewässerung der Felder hat schlimme Konsequenzen für mindestens 2,5 Milliarden Menschen, die jetzt schon in sogenanntem 'Wasserstress' leben. Das heißt, sie haben nicht genügend Wasser für den täglichen Bedarf zur Verfügung.

Der 'Fleischatlas' rechnet vor, dass in jedem Kilo Rindfleisch 6,5 Kilo Getreide, 36 Kilo Raufutter und 15.500 Liter Wasser stecken. Zum Vergleich: Die Herstellung eines Kilos Kartoffeln verbraucht nur 255 Liter Wasser. Dabei schießen auch hier die Industrieländer den Vogel ab, denn die Intensiv-Haltung benötigt mehr Wasser als Weidehaltung. Leider werden Jahr für Jahr mehr Tiere in Ställen gehalten.

Massentierhaltung hat zudem die Folge, dass industrielle Zuchtlinien traditionelle Tierrassen verdrängen. Eine Folge davon ist ein geringerer Genpool. Das wiederum kann Krankheiten größere Angriffsflächen geben. Und der Welthandel bringt resistente Bakterien zum Nulltarif in alle Länder – ein idealer Verbreitungsweg für die Krankheiten.

"Wir brauchen eine Kehrtwende in der Agrarpolitik. Das heißt: Subventionen für die intensive Fleischproduktion streichen, Landnahme im Süden verhindern, die kleinbäuerliche Landwirtschaft fördern und das Menschenrecht auf Nahrung endlich ernst nehmen", fordert Unmüßig.

Der Fleischatlas zeigt auch, wie hoch der Einsatz von Antibiotika zur Gesunderhaltung der Tiere in der globalen Massenproduktion von Fleisch ist. Im weltweiten Ranking liegt Deutschland mit geschätzt etwa 170 Milligramm eingesetzten Antibiotika pro Kilo erzeugtem Fleisch auf einem der vorderen Plätze. Ergebnis davon ist die Zunahme von Antibiotika-Resistenzen. Europaweit sterben im Jahr rund 25.000 Menschen auf Grund von Antibiotika-Resistenzen.