"Flächendeckende Respektlosigkeit": Immer wieder werden Rettungskräfte im Einsatz angegriffen

11. Januar 2017 - 9:45 Uhr

Von Johanna Grewer

In Salzgitter wurden an Silvester zwei freiwillige Feuerwehrleute verprügelt, in Duisburg wurde ein Böller in einen Rettungswagen geworfen, in Augsburg wurden Feuerwehrleute und Sanitäter gezielt mit Raketen beschossen und Hamburg und Kiel schraubten Unbekannte in den letzten Wochen mehrfach die Radmuttern von Krankenwagen los. Gefühlt hat die Zahl der Übergriffe auf Rettungskräfte in letzter Zeit zugenommen.

Hat die Zahl der Übergriffe zugenommen?

Ob das wirklich so ist, lässt sich schwer sagen, denn "ein Großteil der Fälle werden gar nicht gemeldet", sagt Anne Gehrke, Referentin im Institut für Arbeit und Gesundheit der 'Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung'. Die Betroffenen empfinden die Übergriffe als nicht so schlimm oder haben die Erfahrung gemacht, dass die Täter ohnehin nicht verfolgt werden. "Die meisten Übergriffe gehen aber von zu behandelnden Personen aus", erklärt Gehrke.

Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum haben 98 Prozent aller Rettungskräfte in NRW im Dienst schon mal verbale Gewalt und 59 Prozent sogar einen gewalttätigen Übergriff erlebt. Eine deutschlandweite Erhebung gibt es bisher nicht.

"Die verbale Gewalt nimmt deutlich zu"

Doch warum werden diejenigen, die ausrücken, um Leben zu retten, immer wieder angegriffen? Diese Frage sei schwer zu beantworten, meint Udo Bangerter, Pressesprecher des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg. Gewalttätige Übergriffe auf Rettungskräfte habe es immer schon gegeben. Wie oft so etwas passiert, lässt sich kaum sagen, denn darüber wird keine Statistik geführt. Aber eins kann er ganz klar sagen: "Die verbale Gewalt nimmt deutlich zu."

Die Einsatzkräfte hätten es immer wieder mit einer übertriebenen Erwartungshaltung zu tun, meint Bangerter. Wo ist bitte der Notarzt, den ich bestellt habe? – diese Frage schallt den Sanitätern oft als erstes entgegen. "Wer einen Notarzt ruft, ist der Meinung, dass dieser dann auch drei Minuten später da zu sein hat – egal ob es sich um einen eingewachsenen Fußnagel oder einen Herzinfarkt handelt", berichtet der DRK-Sprecher. "Notärzte sind aber kein Hausarztersatz", mahnt er.

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In den meisten Fällen sind Alkohol und Drogen im Spiel

Auch Tobias Thiele von der Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft findet die "flächendeckende Respektlosigkeit" gegenüber Rettungskräften erschreckend. "Mittlerweile berichten unsere Kolleginnen und Kollegen fast täglich von Vorfällen", sagt er. Eine typische Situation, die häufig eskaliert, ist beispielsweise, wenn die Sanitäter mit dem Krankenwagen in zweiter Reihe oder einer Einfahrt parken, um einen Patienten zu versorgen. Die blockierten Autofahrer haben dann in der Regel wenig Verständnis – auch wenn es um Menschenleben geht. Häufig würden auch Betrunkene auf dem Weg ins Krankenhaus anfangen, zu randalieren.

"Viele Täter unterscheiden leider nicht zwischen der polizeilichen und der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr", erklärt der Gewerkschafter. Die Rettungskräfte verkörpern für so manchen eben auch eine verhasste Ordnungsmacht. Allein die Uniform provoziert schon.

Die Täter sind keiner begrenzten Gruppe zuzuordnen, sondern quer durch die Gesellschaft zu finden. Vor allem bei tätlicher Gewalt sind aber meistens Drogen und Alkohol im Spiel. "Aber auch bei medizinischen Einsätzen nach familiären Streitigkeiten geraten Einsatzkräfte oft zwischen die Fronten", weiß Thiele.

"Ich glaube, das ist eine gesamtgesellschaftliche Tendenz"

"Ich glaube, das ist eine gesamtgesellschaftliche Tendenz", sagt Bangerter vom DRK. "Darunter leiden wir natürlich, denn wir bemühen uns immer, unser Bestes zu geben." Auch die Feuerwehren in Deutschland wünschen sich mehr Anerkennung: "Für uns als Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft beginnt Respekt schon beim Bilden der Rettungsgasse", erklärt Thiele. "Ein Angriff auf unsere Kolleginnen und Kollegen ist ein Angriff auf unsere demokratischen Grundwerte und nicht akzeptabel."