Firmen holen Rentner zurück: Mit 63 Jahren ist noch lange nicht Schluss

08. Mai 2014 - 19:39 Uhr

Gewerkschafts-Kritik: Wissen vor dem Ausscheiden weitervermitteln

Im Ruhestand noch vom Chef angerufen werden? Für so manchen Arbeitnehmer ist das wohl keine allzu verlockende Vorstellung. Andere wiederum würden sich freuen, noch gebraucht zu werden und gerne mal wieder an ihre alte Wirkungsstätte zurückkehren. Auf eben diese Leute setzen mittlerweile zahlreiche große Unternehmen - und holen sie gezielt für befristete Einsätze zurück.

Unternehmen holen Rentner zurück
Zahlreiche Unternehmen verlassen sich bei Spezialaufträgen mittlerweile lieber auf altgediente Mitarbeiter statt auf unerfahrene Jungspunde.
© dpa, Patrick Pleul

"Sie haben ein Firmenwissen, das sie so auf dem Markt gar nicht finden", sagt Christoph Ebeling, Personalmanager bei der Hamburger Otto Group. Das Unternehmen setzt seit 2012 auf Senioren, die als Experten zeitweise an den Schreibtisch zurückkehren. "Diejenigen, die bisher im Einsatz sind, sind meist Experten, die über Jahrzehnte Fachwissen angesammelt haben." Auch der Autobauer Daimler holte im vergangenen Jahr fast 100 Ruheständler zeitweise zurück ins Unternehmen. Als einer der Vorreiter gilt der schwäbische Technikkonzern Bosch. Schon 1999 startete dort eine eigene Gesellschaft für Senior-Experten. Mittlerweile sind dort weltweit 1.600 Senioren registriert. Sie alle arbeiten zeitlich befristet. Das Honorar orientiert sich an ihrem letzten Gehalt.

Der größte Vorteil ist, dass die Experten den Konzern in- und auswendig kennen. Sie sind vom ersten Tag an einsatzbereit. Der Einarbeitungsaufwand entfällt praktisch komplett. Ein Beispiel für ihren Einsatz sei der Übergang von einem alten IT-System in ein neues. "Wir hatten tatsächlich niemanden mehr, der die Programmiersprache konnte", sagt Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth. "Es wäre geschickter das Wissen zu vermitteln, bevor die Leute ausscheiden", gibt eine Sprecherin der IG Metall zu bedenken.

'Rente mit 63'; Noch weniger Fachkräfte

Die abschlagsfreie Rente mit 63 – wie sie im Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot steht – dürfte den Fachkräftemangel in den kommenden Jahren weiter zuspitzen. In rund jedem fünften Unternehmen könnten mehr als zehn Prozent der Belegschaft früher als erwartet in den Ruhestand gehen, wie aus der Studie 'Personaltrends im deutschen Mittelstand 2014" der Baumann Unternehmensberatung hervor geht. Für die Zukunft erwartet jeder vierte Mittelständler, nicht mehr genügend qualifizierte Mitarbeiter zur Bearbeitung aller Kundenanfragen zu haben - im Maschinen- und Anlagenbau befürchtet dies sogar jedes dritte Unternehmen.

Für viele Unternehmen sind ältere Mitarbeiter häufig aber die einzige Alternative. "Wir würden schon junge Leute einstellen", sagt Jens Fahrion, Geschäftsführer von Fahrion Engineering. Das Familienunternehmen mit Sitz in Kornwestheim plant Produktionsanlagen und Werkzeuge zum Beispiel für Maschinen- und Fahrzeugbauer. "Aber einen erfahrenen, jungen Projektleiter finden wir gar nicht." Fahrion holt daher nicht nur Rentner zurück, sondern setzt insgesamt gezielt auf die Generation 50 plus. "Studienabgänger können oft nicht auf Augenhöhe mit Auftraggebern kommunizieren", sagt Fahrion. Zwar seien die Lohnkosten für ältere Projektleiter höher. Das würde allerdings dadurch wettgemacht, dass sie häufig lukrative Folgeaufträge an Land zögen.

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