So schön wurde im deutschen Film schon lange nicht mehr geraucht und geliebt

„Oh Boy“ meets „Babylon Berlin”: Tom Schilling als Slacker im Film „Fabian“

Schwer verliebt: Saskia Rosendahl und Tom Schilling in „Fabian“.
Schwer verliebt: Saskia Rosendahl und Tom Schilling in „Fabian“.
© dcm, Lupa Film, Hanno Lentz, DCM

04. August 2021 - 20:56 Uhr

Kinostart: 5. August 2021


von Mireilla Zirpins

Tom Schilling spielt in der Kästner-Verfilmung "Fabian" wieder einen Slacker. Wie in "Oh Boy", nur diesmal in 1930er-Kostümen und mit mehr Kippen im Mundwinkel – und mit mehr Sex.

Romanverfilmung mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch

Mensch, das hätte es zu unseren Schulzeiten geben sollen: Typische Deutschkurs-Lektüren als cooler Kinofilm. Im vergangenen Jahr verlegte Burhan Qurbani mutig "Berlin Alexanderplatz"* in unsere Zeit und machte aus Ex-Knasti Franz Biberkopf den Geflüchteten Francis, gespielt von Welket Bungué aus Guinea-Bissau. Demnächst kommt die Neuverfilmung der "Schachnovelle" – auch so ein Dauerbrenner im Deutschunterricht.

Erich Kästner kennen viele jedoch nicht aus der Deutschstunde, sondern wegen seiner Kinderbücher*: "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton", "Das doppelte Lottchen", "Das fliegende Klassenzimmer", die wir Großen auch gern noch mal lesen.

Erich Kästner hat auch Bücher für Erwachsene geschrieben

Was viele nicht wissen: Der Mann hat auch Bücher für Erwachsene geschriebene, sehr für Erwachsene sogar. "Fabian oder der Gang vor die Hunde"* wurde bei seinem Erscheinen 1931 deutlich entschärft, unter anderem auch bei den erotischen Passagen. Denn Kästner geizt in seinem Sittenbild der Zeit kurz vor der Machtergreifung der Nazis weder mit Sozialkritik noch mit anzüglichen Details.

Und Dominik Graf verfilmt das auch so, inklusive der gestrichenen Passagen, die man erst seit der Neuauflage 2013 zu lesen bekommt. Da lässt Jakob Fabians Chef erst die Hosen vor ihm runter, weil er gern seine Blinddarmnarbe verarztet hätte. Und schmeißt seinen Texter für Zigarettenwerbung dann, kaum ist die Bux wieder oben, raus. Fabian kommt halt oft zu spät und feiert gern – oder wie es der Erzähler in der Sprache der 1930er zusammenfasst: "Er war 32 Jahre alt und hatte sich nachts fleißig umgetan." Beim "Umtun" sehen wir Fabian auch fleißig zu. Er streunt mit seinem reichen Freund Stephan Labude (Albrecht Schuch) durch die Animierlokale der Weimarer Republik, in denen an jeder Ecke Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Ein bisschen "Babylon Berlin", nur in hoffnungsloser.

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„Fabian“: Drei Stunden, die es in sich haben

Bardame Cornelia (Saskia Rosendahl), die mit Tom Schilling schon in "Werk ohne Autor"* spielte, scheint doch ein Mädchen für mehr als eine Nacht zu sein. Aber sie will als Schauspielerin groß rauskommen. Und da kann ihr ein widerwärtiger, ältlicher Filmmogul nützlicher sein als Fabian, der genauso mittellos ist wie sie selbst und sich immer tiefer in den Mist manövriert. Wird Fabian auf das Angebot seiner sexsüchtigen Nachtclubbekanntschaft Irene Moll (Meret Becker) eingehen, in ihrem brandneuen Männerbordell anzuheuern? Oder zieht er zurück zu Mama nach Dresden?

Ein bisschen Sitzfleisch muss man schon mitbringen für die knapp drei Stunden "Fabian" – aber es lohnt sich trotz ein paar Längen. Tom Schilling, Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch glänzen in den Hauptrollen und schaffen es, Originalsätze aus dem Buch gleichzeitig zeitgetreu und doch lässig wirken zu lassen. Das Ganze wirkt herrlich altmodisch und doch erfrischend. Regisseur Dominik Graf findet eine moderne Form, Dokumentarszenen unterzumischen und bei seinen eigenen Aufnahmen geschickt mit den Formaten zu spielen, ohne es je aufdringlich wirken zu lassen. Manchmal wirkt das Lotterleben mit den barbusigen Prostituierten in den verrauchten Amüsier-Etablissements ein wenig dick aufgetragen, aber daran haben wir uns ja bei "Babylon Berlin" schon gewöhnt.

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