12. Juni 2019 - 14:59 Uhr

Die Berliner Feuerwehr leidet unter zahlreichen unnötigen Rettungs- und Krankeneinsätzen. Demnächst beginnt daher eine Kampagne zum "gewissenhaften Umgang" mit der Notrufnummer 112, wie Feuerwehrchef Karsten Homrighausen am Mittwoch bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2018 sagte. Innensenator Andreas Geisel (SPD) betonte: "Die 112 ist keine Kummernummer, bei der man sein Leid klagen kann."

Homrighausen sprach von einer "Vollkaskomentalität", die sich vor allem im Rettungsdienst "breit macht". Statt sich abends oder am Wochenende mit Krankheiten oder Verletzungen bei einem Bereitschaftsarzt zu melden, würden die Rettungswagen der Feuerwehr alarmiert, um ins Krankenhaus gefahren zu werden. Die "Selbsthilfefähigkeit" des Einzelnen müsse gestärkt werden. Die Notfallsanitäter der Feuerwehr müssten eigentlich nur bei lebensgefährlichen und anderen sehr schweren Verletzungen anrücken und nicht bei leichteren Vorfällen.

Die Zahl der Feuerwehreinsätze nahm in Berlin erneut zu. 2018 waren es 463.977 Rettungsfahrten, Krankentransporte und Brände, zu denen die Feuerwehr gerufen wurde. 6000 Einsätze mehr als im Vorjahr wurden registriert. Alle 67 Sekunden rückte die Feuerwehr aus.

Seit 2009 steigen die Einsatzzahlen bei der Feuerwehr Jahr für Jahr an. Vor allem, weil die Stadt wächst und häufiger Sanitäter und Notärzte alarmiert werden. Die Zahl der Brandeinsätze lag bei rund 7500, das ist nur ein Bruchteil aller Alarmierungen.

Im Durchschnitt brauchte die Feuerwehr etwas länger, um nach der Alarmierung ihren Einsatzort zu erreichen. Bei Bränden waren es 9,8 Minuten (2017: 9,3 Minuten). Im Rettungsdienst stieg die Anfahrtszeit von 9,6 Minuten auf 10,2 Minuten. Homrighausen begründete das auch mit dem dichteren Straßenverkehr.

Knapp 5000 Mal wurde die Feuerwehr ohne Grund zu einem sogenannten Fehleinsatz alarmiert. 2018 starben 25 Menschen bei Bränden, das waren etwas weniger als in den Vorjahren.

Genau ein Jahr nach einem misslungenen Rettungseinsatz wegen eines Unfalls mit einer Straßenbahn, bei dem ein 13-jähriges Mädchen starb, nahm die Feuerwehr Stellung zu Vorwürfen, sie habe nie Kontakt zu der Familie des Kindes aufgenommen. Vize-Feuerwehrchef Karsten Göwecke sagte, die Angehörigen seien direkt nach dem Unfall am 12. Juni 2018 psychologisch betreut worden. Ansonsten habe sich niemand bei der Familie gemeldet. So etwas sei nicht vorgesehen.

"Es ist auch ein absolut alltäglicher Vorgang, leider, dass Personen im Verlauf von Einsatzmaßnahmen sterben", sagte Göwecke. "Ob in dem Fall das vermeidbar war oder nicht, das ist zu klären." Die Feuerwehr sehe den Einsatz "kritisch" und habe ihn "sehr intensiv aufgearbeitet". Ein abschließendes Ergebnis liege noch nicht vor. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft würden noch laufen.

Die 13-Jährige war in Berlin-Rummelsburg von einer Straßenbahn erfasst und eingeklemmt worden. Feuerwehr und die Berliner Verkehrsbetriebe BVG versuchten, die Tram anzuheben, um das Mädchen zu befreien. Dabei verrutschte der Straßenbahnwagen und klemmte auch noch zwei Feuerwehrleute ein. Die 13-Jährige starb kurz darauf. Die Eltern hatten später geklagt, bei ihnen habe sich in der Folgezeit keine der beteiligten Behörden gemeldet, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Quelle: DPA