Ferrari-Strategen bringen Sebastian Vettel um Podiumsplatz beim Formel-1-Rennen in Japan

10. Oktober 2016 - 11:04 Uhr

"Unsere Strategie ist nicht aufgegangen. Wir haben es probiert, es hat leider nicht geklappt", kommentierte Sebastian Vettel lapidar den verpassten Podiumsplatz beim Formel-1-Rennen in Japan. Als Vierter auf seiner Lieblingsstrecke musste er erstmals seit acht Jahren in Suzuka zuschauen, wie andere den Champagner bei der Siegerzeremonie bei verspritzten.

Sein großer Rückstand auf Sieger Nico Rosberg, Red-Bull-Pilot Max Verstappen und Titelverteidiger Lewis Hamilton "war doch überraschend", wie Vettel später einräumte. Dabei fuhr er lange auf Podiums-Kurs und war zwischenzeitlich sogar ganz dicht dran am zweitplatzierten Verstappen. Doch wieder einmal patzten die Strategen von Ferrari und brachten das Team und Vettel um ein Erfolgserlebnis.

Kurz vor dem zweiten Reifenwechsel des Holländers hatte sich Vettel bis ins DRS-Fenster des Red-Bull-Fahrers gekämpft - dann bog Verstappen in Umlauf 29 in die Boxengasse ab. Hamilton lag zu diesem Zeitpunkt als Vierter noch fast 10 Sekunden hinter Vettel. Doch anstatt Verstappens Boxenstopp zu covern, entschied Ferrari, Vettel weiterfahren zu lassen. Wie sich später herausstellte, wollte man den zweiten Stopp so lange hinauszögern, dass Vettel mit den schnelleren Softreifen bis ins Ziel und - so der Ferrari-Plan - auch an Verstappen vorbeikommt.

Ferrari-Strategen machen gleich mehrere Fehler

Schon nach wenigen Runden war aber klar, dass dieser Plan nicht aufgehen würde: Auf frischen, harten Reifen war Verstappen pro Runde teilweise bis zu einer Sekunde schneller als Vettel, gleichzeitig verkürzte Hamilton mit jedem Umlauf seinen Rückstand. Doch statt zu reagieren, hielten die Ferrari-Verantwortlichen an ihrer Strategieentscheidung fest - und Vettel wurde schließlich von Mercedes noch mit einem Undercut übertölpelt.

Als Hamilton in Runde 33 seine Box zum zweiten Reifenwechsel ansteuerte, betrug sein Rückstand auf den Deutschen noch 3,8 Sekunden. Auf frischen, harten Reifen machte er im folgenden Umlauf aber so viel Boden gut, dass er bei Vettels Boxenservice in der darauffolgenden Runde an dem Ferrari-Piloten vorbeischlüpfte. Vettel hatte freilich auch Pech, weil er in genau dieser Runde auf Fahrer auflief, die überrundet werden mussten und dadurch aufgehalten wurde - aber auch das hätten die Strategen voraussehen können. 

Red Bull dank besserer Strategie auf Platz 2

Trotz der schnelleren weichen Reifen kam Vettel nicht mehr an Hamilton vorbei - das gleiche wäre wohl auch beim von Ferrari erhofften Kampf um Platz 2 mit Verstappen passiert. Zudem musste Vettel auf den weichen Reifen noch 19 Runden bis ins Ziel zurücklegen. Reifenhersteller Pirelli hatte für diesen Reifentyp eine Empfehlung von maximal 15 Runden ausgesprochen. "Der Reifen ist einfach zu schnell verschlissen", gab Vettel zu, daher hätte er gegen Hamilton sowieso keine Chance gehabt. Die Hinterbänkler, die ihn beim Überrunden aufgehalten haben, seien also nicht entscheidend gewesen.

"Im Nachhinein ist man immer schlauer", reagierte Vettel leicht genervt auf Fragen nach der Ferrari-Strategie. "Es war doch richtig, das Risiko einzugehen, auch wenn der Nutzen fraglich ist." Trotz der wachsenden Kritik aus Italien und der ersten öffentlichen Rüge von Teamchef Maurizio Arrivabene stellte sich der viermalige Champion auch in Japan brav vor seine Mannschaft: "Ich wollte es ja genauso wie die Jungs an der Box." Gleichzeitig gab er zu: "Vom Speed her wäre Platz zwei drin gewesen." Red-Bull-Teamchef Christian Horner bestätigte: "Von der Geschwindigkeit her waren wir langsamer als Ferrari. Aber bei der Strategie besser."

Irvine: Chaos bei Ferrari zu groß

Vielleicht machte Vettel nur deshalb gute Miene zum bösen Spiel, weil er sich am vorangegangenen Wochenende in Malaysia selbst mit einer Harakiri-Aktion am Start um einen möglichen Podiumsplatz gebracht hatte. Seit 23 Rennen ist der viermalige Champion nun schon ohne Sieg, so lange wie noch nie in seiner Karriere. In der WM-Wertung rangiert er nur auf Platz 5 - noch hinter seinem ehemaligen Red-Bull-Teamkollegen Daniel Ricciardo und seinem aktuellen Teampartner Kimi Räikkönen.

Glaubt man dem früheren Ferrari-Fahrer Eddie Irvine, kann Vettel seinen Traum vom Titel mit den Roten abhaken. Ferrari sei mit dem Versuch, alle Schlüsselpositionen mit Italienern zu besetzen, krachend gescheitert, so das vernichtende Urteil des Nordiren: "Bei der Scuderia regieren die Italiener - und die arbeiten manchmal mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf", sagte der ehemalige Teamkollege von Michael Schumacher 'motorsport-total.com'. In dem momentanen Chaos hätte seiner Meinung nach sogar der einstige Erfolgs-Teamchef und heutige FIA-Präsident Jean Todt Probleme: "Selbst er würde jetzt fünf, sechs, sieben Jahre brauchen, um das wieder in den Griff zu kriegen."