Corona-Krise in Großbritannien

Krankenhauspersonal muss Luft anhalten, wenn sie Corona Patienten behandeln

07. April 2020 - 10:22 Uhr

von Merle Streck aus London

Knapp 5.000 Tote, fast 50.000 Infizierte, der Premierminister im Krankenhaus und viel
zu wenig Schutzkleidung: Die Lage spitzt sich zu in Großbritannien. Spätestens jetzt dürfte Boris Johnson am eigenen Leib miterleben, wie überlastet das Gesundheitssystem wirklich ist. Und die Queen appelliert ans Volk. (Die Botschaft im Video)

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Boris Johnson liegt im Krankenhaus

HANDOUT - 28.03.2020, Großbritannien, London: Der britische Premierminister Boris Johnson führt den Vorsitz bei der morgendlichen Treffen zum Coronavirus (Covid-19) von der Downing Street Nr. 11 aus. Nachdem Boris Johnson positiv auf das Coronavirus
Boris Johnson liegt im St. Thomas-Krankenhaus in London.
© dpa, Andrew Parsons, KQ kno

Am Sonntagnachmittag wurde Johnson auf Anweisung seines Arztes ins St. Thomas
Krankenhaus im Londoner Stadtteil Westminster eingeliefert
und wird dort bis
auf Weiteres auch erstmal bleiben, so heißt es aus der Downing Street. Vor zehn
Tagen hatte er per Videobotschaft bekannt gegeben sich mit Covid-19 infiziert
und milde Symptome zu haben. 
Derweil wird auch für das Personal in den
Krankenhäusern im Land die Lage dramatischer.

Spätestens seit bereits sieben NHS Mitarbeiter am Coronavirus gestorben sind, ist klar, wie
unterversorgt die NHS eigentlich ist
, denn aufgrund fehlender Schutzkleidung
müssen viele Krankenpfleger gefährliche Alternativen finden, um sich zu
schützen. Schutzmasken, die eigentlich zum Einzelverbrauch dienen, müssen
inzwischen wieder und wieder verwendet werden. Schockierende Bilder aus
Gesundheitseinrichtungen zeigen, wie Krankenschwestern sich gegenseitig
Müllsäcke oder Plastikschürzen über den Kopf stülpen, oder ausgeliehene Ski-und
Taucherbrillen als Augenschutz in den Einsatz bringen.

Ärztin klagt an: Gesichtsmasken abgelaufen - seit 2009!

Das oft wiederholte Motto der Johnson Regierung, "Bleibt zu Hause, Beschützt die
NHS, Rettet Leben" scheinen die eigenen Staatssekretäre nicht einhalten zu
können. Obwohl Matt Hancock, der britische Gesundheitsminister, vor zwei Wochen
noch von einer Bestellung einer Millionen neuer Masken sprach, hat Dr. Roberts
bisher in ihrem Krankenhaus in der Nähe von Birmingham noch keine Spur der
neuen Ausrüstung gesehen.

Sie sagte der BBC: "Die Gesichtsschutzmasken, die wir derzeit verwenden, wurden alle mit einem neuen Mindesthaltbarkeitsdatum versehen. Gestern habe ich eine mit drei Aufklebern gefunden. Der erste sagte, Ablauf 2009. Der zweite Aufkleber, Ablauf 2013. Und auf dem dritten Aufkleber
ganz oben stand 2021."

Tausende Briten treffen sich trotzdem zum Grillen oder in den Parks

Fast 400 Pflegeunternehmen (80 Prozent der Anbieter), die in Großbritannien häusliche
Unterstützung anbieten, gaben an, über nicht genügend persönliche
Schutzausrüstung zu verfügen. Es seien die Masken ausgegangen oder sie haben
weniger als eine Woche Vorrat übrig. Besonders älteren und gefährdeten Menschen
fehlt dadurch die Unterstützung.

Für Empörung sorgte auch ein Sky-News-Interview mit Dr. Rinesh Parmar von der Doctor's
Association, in dem er sagte, dass "Krankenschwestern bei medizinischen
Verfahren mit hohem Risiko versuchen, den Atem anzuhalten, da sie sich nicht
sicher sein können, dass ihre Masken genug tun, um sie zu schützen."

Und trotzdem scheint noch nicht bei allen Briten angekommen zu sein, wie ernst die
Lage tatsächlich ist: Tausende gingen zum Grillen oder Sonne tanken in Parks,
die Polizei musste an mehreren Stellen eingreifen. Da das Wetter weiterhin gut
bleiben soll, schließen einige Stadtteile in London jetzt ihre Parks.

Queen: Erspart "vielen Familien den Schmerz"

queen
Ansprache der Queen: Alle, die derzeit zu Hause bleiben, helfen dabei " die Schwachen zu schützen"

In ihrer Ansprache sagte die Queen am Sonntagabend, dass alle, die sich momentan
an die Regeln halten und zu Hause bleiben "dabei helfen, die Schwachen zu
schützen und vielen Familien den Schmerz ersparen, denn diejenigen spüren, die
schon geliebte Menschen verloren haben."

Nimmt man die britische Höflichkeit aus diesem Satz heraus, heißt es also ganz klar:
Reisst euch zusammen und bleibt endlich zu Hause! Und das gilt besonders für
das kommende Osterwochenende, denn um den 15. April herum wird erwartet, dass
die Coronakrise in Großbritannien ihren Höhepunkt erreicht.

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