Fehlende Corona-Hilfen

Tätowierer ziehen blank

Unter dem Hashtag #ihrmachtunsnackt protestieren Tätowierer gegen die stockenden Corona-Hilfen.
Unter dem Hashtag #ihrmachtunsnackt protestieren Tätowierer gegen die stockenden Corona-Hilfen.
© Instagram, scalptura_tattoo_und_piercing

12. Februar 2021 - 13:21 Uhr

Protest mit dem Hashtag "ihrmachtunsnackt"

Während Friseure wieder öffnen dürfen, bleiben Tattoostudios weiter geschlossen. Viele in der Branche fürchten um ihre Existenz. Denn die versprochenen Hilfen sind zum großen Teil noch immer nicht angekommen. Weil sie sich finanziell blank fühlen, ziehen sie auf Instagram und Co. ihr letztes Hemd aus – als stiller Protest.

Bayreuther Tätowierer Dawid Hilgers-Lehner ruft Aktion ins Leben

Deutsche Tätowierer protestieren nackt gegen stockende Auszahlungen der Corona-Hilfen. Mit dem Hashtag "ihrmachtunsnackt" kreiden Gewerbetreibende und Selbstständige auf Instagram fehlende oder unvollständig überwiesene Beiträge aus dem November und Dezember an. "Ich habe die Aktion ins Leben gerufen, weil es ein stiller Protest ist, er aber durch die Nacktheit Aufmerksamkeit findet", sagte der Bayreuther Tätowierer Dawid Hilgers-Lehner.

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Menschen zeigen sich nur mit einem Schild bekleidet

In den sozialen Medien machen einige Menschen mit und zeigen sich teils nur mit einem Schild mit dem Slogan bekleidet vor winterlicher Kulisse. Eine Betroffene berichtet unter ihrem Foto, sie habe seit November 1000 Euro bekommen. "1000 Euro für 4 Monate, von denen ich und meine Familie leben soll. 250€ pro Monat für Lebensmittel, Miete, Kredit, Strom. Mein Tattoostudio muss zu bleiben. Es gibt kein Click & Collect, kein to go. Ihr lasst uns ausbluten", schreibt sie.

"Auch ich kenne persönlich einige Betriebe die entweder schon pleite sind oder kurz vor der Pleite stehen. Auch bei mir persönlich war es so, dass keine einzige der von der Regierung geplanten Hilfen auf mich greift", heißt es da etwa unter einem anderen Beitrag.

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"Kreativ, friedlich und originell": Bundesverband unterstützt die Aktion

Gestartet hat Hilgers-Lehner die Aktion Mitte Januar. Auch er berichtet von Bekannten, die keine Hilfen oder nur einen Abschlag bekommen haben - einige seien bereits pleite, sagte er.

Den Bundesverband Tattoo freut, dass "eine ohnehin bunte Branche einen kreativen, friedlichen und originellen Weg gefunden hat, den eigenen, tiefgehenden, Sorgen Ausdruck zu verleihen", sagte der Vorsitzende Urban Slamal. Die als "Bazooka" angekündigten Hilfen seien ein Rohrkrepierer, die Liquidität der betroffenen Unternehmen werde branchenübergreifend immer dramatischer. Man müsse davon ausgehen, dass Versäumnisse von Bund und Ländern einer "nennenswerten Anzahl von Unternehmern die berufliche Existenz kosten werden".

Initiator wünscht sich Dialog

Dawid Hilgers-Lehner, Bayreuther Tätowierer, posiert mit einem Schild mit dem Hashtag #ihrmachtunsNACKT.
Dawid Hilgers-Lehner, Bayreuther Tätowierer, posiert mit einem Schild mit dem Hashtag #ihrmachtunsNACKT.
© dpa, ---, vco

Hilgers-Lehner wollte eine friedvolle Auseinandersetzung mit dem Thema. Zurzeit kursiere im Netz ein "Mix aus Verschwörungserzählern und Hass", das habe er nicht mehr ausgehalten. Der gelernte Intensivmediziner hält die Corona-Einschränkungen nach eigenen Angaben für sinnvoll. "Mein Ziel war nicht, die Einschränkungen infrage zu stellen, sondern auf die ausbleibenden Zahlungen hinzuweisen". Sein Ziel sei es, einen Dialog zwischen Wirtschafts- und Finanzministerium und den Gewerbetreibenden zu erreichen.

Die Hilfen aus Bundesmitteln richten sich an Unternehmen, Selbstständige und Vereine. Bei den Dezemberhilfen können Betriebe Zuschüsse von bis zu 75 Prozent des Umsatzes aus dem Dezember 2019 erhalten. Die Bundesländer sind für Antragsbearbeitung, Prüfung und Auszahlung zuständig. Seit Beginn der Krise hat der Bund laut Wirtschaftsministerium rund 80 Milliarden Euro an Hilfen bewilligt.

Bayerns Einzelhandel kündigt Klage an

Nicht ganz so still reagiert der Handelsverband Bayern auf die erneute Verlängerung des Lockdowns. Der Verband will dagegen sogar vor Gericht gehen. Warum dürfen Friseure öffnen, aber andere Dienstleister wie Kosmetikstudios, Tätowierer nicht? Einem Buchhändler oder Floristen sei nicht zu erklären, "warum man sich zwar im Friseursalon zwei Stunden lang eine neue Dauerwelle legen lassen kann, die Händler aber wegen angeblich hoher Infektionsgefahr geschlossen bleiben müssen", sagte HDE-Sprecher Bernd Ohlmann.

Der Handelsverband werde diese "abstrusen Regelungen gerichtlich überprüfen lassen" und rufe auch seine Mitglieder auf, zu klagen. "Wir wollen keine Extrawurst, sondern nur Chancengleichheit." Die Klage würde sich gegen den Freistaat Bayern richten.

Quelle: dpa/ RTL.de