Favelas in Rio de Janeiro: Leben zwischen Abwasser und Schimmel

25. Oktober 2015 - 16:44 Uhr

Das Leben hier "raubt ihnen die Zukunft"

In Teilen Rio de Janeiros gibt es keine funktionierende Kanalisation. Wenn es regnet werden viele Häuser in den Favelas überflutet – mit einem Gemisch aus Fäkalien, Müll und Kadavern. Das schlechte Abwassersystem hat auch Auswirkungen auf die Wettkampfstätten. In einem Jahr finden hier die Olympischen Spiele statt.

Favelas in Rio de Janeiro: Leben zwischen Abwasser und Schimmel
Vor allem die Kinder sind sich der Gefahren des verseuchten Wassers oft nicht bewusst.

"Bloß nicht daneben treten" lautet das Motto vieler Favela-Bewohner in Rio de Janeiro. Ein falscher Schritt, eine kleine Wunde am Fuß und schon kann das Wasser gefährlich werden, wenn die darin enthaltenen Bakterien und Keime in den Körper gelangen. In einem der Häuser lebt Marcele de Oliveira Franca mit ihrem Sohn Kaike. Wenn es regnet, steht ihr Ein-Zimmer-Apartment knöchelhoch unter Wasser – ein Mix aus Regenwasser und Fäkalien. "Das Wasser hat bei Kaike schon mehrmals Magen-Darm-Probleme verursacht. Einmal musste er sogar für zwei Wochen ins Krankenhaus", erzählt die junge Mutter.

Um Wegzuziehen fehlt ihr, genauso wie vielen anderen, das Geld. Vor allem die Kinder, die unter diesen Bedingungen leben müssen, sind von Anfang an benachteiligt. Nicht nur, was ihre Gesundheit betrifft. "Diese ständigen Infektionen führen dazu, dass Kinder Untergewicht haben und so schwerer in der Schule mitkommen. Der Ort, an dem sie leben, raubt ihnen ihre Zukunft", warnt Alberto Chebabo von der Gesellschaft für Infektionskrankheiten.

Verseuchtes Wasser fließt ungefiltert ins Meer

Doch selbst wenn die Bewohner es irgendwie geschafft haben, dass kein verseuchtes Wasser in ihre Häuser fließt, werden die Folgen der Feuchtigkeit zum Problem. "Weil direkt vor meinem Haus ein offener Kanal ist, ist die Wand hier ganz feucht", erzählt Claudiana Costa de Souza. Überall in ihrem kleinen Apartment ist Schimmel. "Ich habe viele gesundheitliche Probleme und das kommt von der Luft, die ich atme und dem Schimmel in meinem Haus. Ich habe das Gefühl, es gibt kein sauberes Wasser und keine saubere Luft hier".

Das Problem beschränkt sich aber nicht nur auf die Armen-Viertel von Rio, denn das Wasser fließt weiter: raus aus den Favelas, rein ins Meer. "Durchfall ist die häufigste Krankheit in diesen Regionen, die kein Abwassersystem haben - und betroffen sind meist kleine Kinder. Mücken können sich wegen der schlechten hygienischen Zustände rasant vermehren und übertragen dann gefährliche Virus-Krankheiten", sagt Chebabo.

In der Guanabara-Bucht, in der während der Olympischen Sommerspiele 2016 die Segel und Ruderwettbewerbe stattfinden sollen, hat die Nachrichtenagentur AP Wasserproben genommen. Das Wasser soll mit Viren und Bakterien aus Abwässern versetzt sein und für die Athleten eine ernsthafte Gefahr darstellen. Die brasilianische Regierung verspricht Besserung. Sie will ein neues Abwassersystem installieren und die Hälfte des Mülls rings um die Olympiastätten entfernen. Beobachter sprechen dabei aber von einer oberflächlichen Aktion, die nur dazu diene, das Image Rio de Janeiros aufzupolieren, wenn die Welt nach Brasilien schaut. Für die meisten Favela-Bewohner wird sich nichts ändern.

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