Das skandinavische Land gegen den Rest der Welt

Fast 2.000 Corona-Tote - hält Schweden dennoch den laschen Corona-Kurs?

22. April 2020 - 19:17 Uhr

Im Video: Antonia Rados schätzt die Situation vor Ort ein

Während in großen Teilen Europas und dem Rest der Welt die Menschen wegen der Coronavirus-Pandemie zu Hause bleiben müssen, dürfen sich die Schweden weiter zum Bier treffen, Sport treiben und zum Friseur gehen. Doch das hat anscheinend seinen Preis: das Land meldet schon fast 2.000 Tote, auch die Zahl der Infizierten steigt immer weiter an. Wollen die Schweden wirklich bei ihren laschen Beschränkungen bleiben? Antonia Rados hat sich die Situation vor Ort genauer angeschaut - im Video.

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Schweden setzt auf Freiwilligkeit statt auf Zwang

Schweden setzt auf Freiwilligkeit statt auf Zwang: Den Menschen wird lediglich ans Herz gelegt, Abstand zu halten und zu Hause zu bleiben, wenn sie krank sind.

Der schwedische Sonderweg in der Corona-Krise hat in mehreren Ländern Verwirrung ausgelöst. Vielerorts und nicht zuletzt bei den Nachbarn in Dänemark und Norwegen fragt man sich, ob die Schweden wissentlich und offenen Auges in die Katastrophe laufen - oder sich ihre Strategie am Ende auszahlen wird.

Herdenimmunität: Sinnvolle Strategie oder Spiel mit dem Feuer?

Aktuelle Zahlen sprechen eine andere Sprache. In Schweden wurden weitaus mehr Infizierte mit dem Coronavirus registriert als in den anderen nordischen Ländern, bis Dienstag starben 1.937 Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung. Zum Vergleich: In Dänemark gab es bisher rund 380 Todesfälle, in Norwegen rund 180. Beide Länder haben jeweils halb so viele Einwohner wie Schweden.

Ungeachtet der hohen Zahlen vertrauen Schwedens Regierung und Gesundheitsbehörde auf den Staatsepidemiologen Anders Tegnell. Er steht symbolhaft für den schwedischen Sonderweg. Von Schul- und Grenzschließungen hält er nichts, auch sonst ist seine Strategie eine andere als die, die fast alle anderen in Europa gewählt haben. "Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen", sagte Tegnell am Montag. Es sei wenig wahrscheinlich, dass Schweden die Richtung ändere. Immer wieder spricht er von Herdenimmunität - einer Strategie, die andere Experten für brandgefährlich halten.

Die Zahlen der vergangenen Tage scheinen seine Theorie zu bestätigen. Am Freitag sprach Karin Tegmark Wisell von der Gesundheitsbehörde von einem Abwärtstrend bei der Zahl der Toten. "Es gibt immer noch eine große Anzahl von Verstorbenen pro Tag, aber wir sehen keinen Anstieg, sondern eine Verlangsamung."

2.000 Wissenschaftler wenden sich gegen die Regierung

Diese Sicht teilen andere nicht. Knapp 2.000 Wissenschaftler haben die schwedische Regierung zuletzt in einem Brief zum Umdenken aufgefordert. Unter ihnen ist Bo Lundbäck, Professor für klinische Epidemiologie von Lungenerkrankungen in Göteborg. Er hält die hohen Todeszahlen für inakzeptabel und den Preis, den Schweden im Corona-Kampf bezahlt, für zu hoch. "Ich sehe nicht, dass Schweden eine konkrete Strategie verfolgt und ich sehe auch keinen Trend", sagt er im Gespräch mit der Deutsche Presse-Agentur. "Die Richtlinien sind viel zu vage und die Menschen sind verwirrt."

Dass die Kneipen und Einkaufszentren in Stockholm am Wochenende voll waren, zeige, dass die Botschaft nicht richtig angekommen sei. "Die Leute scheinen zu glauben, das hier sei ein Eishockeyspiel: Schweden gegen den Rest der Welt." Dabei würden täglich immer noch Hunderte neue Ansteckungen registriert. Lundbäck fordert deshalb die Schließung aller Schulen und einen besseren Schutz des Personals in den Altersheimen. "Wir in Schweden glauben, wir sind besser als die anderen und müssen nicht auf die WHO hören. Das ist dumm."

TVNOW-Doku: Stunde Null Teil 2 - Wettlauf mit dem Virus

Das Corona-Virus hält Deutschland und den Rest der Welt weiter in Atem. Nach dem erfolgreichen ersten Teil der Doku "Stunde Null" vor zwei Wochen gleichen die Autoren in der zweiten TVNOW-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus" die verschiedenen Maßnahmen einzelner Länder rund um den Globus mit den aktuellen Empfehlungen von Forschern ab.

Mehr Informationen finden Sie auch in unserem Podcast "Wir und Corona".

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