Fast 10 Prozent für die FDP: Anscheinend ein Schlag ins Gesicht der Wahlforscher! Oder doch eher scheinbar?

Wo mache ich meiner Zweitstimme? Für Niedersachsens CDU-Anhänger in Umfragen eindeutig - an der Urne aber gar nicht so einfach.
Wo mache ich meiner Zweitstimme? Für Niedersachsens CDU-Anhänger in Umfragen eindeutig - an der Urne aber gar nicht so einfach.
© dpa, Peter Steffen

21. Januar 2013 - 23:01 Uhr

Was Umfrageinstitute leisten können – und was nicht

Wer hätte das gedacht? Wer hätte ernsthaft mit fast 10 Prozent (!) für die eigentlich schon tot-prophezeite FDP gerechnet? Da haben die Wahlforscher wochenlang orakelt, in Niedersachsen würde die FDP wahrscheinlich an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, und dann das: Mehr als doppelt so viele Wähler als vorhergesagt votierten für die Liberalen. Auf den ersten Blick: Ein Schlag ins Gesicht der Demoskopen! Umfragen sind halt Umfragen, und sie haben mit dem tatsächlichen Wahlausgang so wenig zu tun wie ein Wetterbericht mit dem tatsächlichen Wetter, der vorgibt, genau vorherzusagen, ob es nun kommendes Wochenende schneit oder nicht.

Halt! Es wäre verfrüht und sachlich völlig unbegründet, jetzt den Wert von Umfrageergebnissen generell zu verteufeln. Natürlich haben sich die Institute nicht mit Ruhm bekleckert, genau in der Frage des FDP-Abschneidens so verheerend daneben gelegen zu haben. Doch was machen denn die Wahlforscher VOR einer Wahl? Sie fragen - möglichst repräsentativ - VOR einer Wahl, wer denn wen zu wählen gedenkt, WENN am nächsten Sonntag Wahl wäre. Genau das aber ist der Unterschied zur echten Wahl-Situation für die Wähler am Wahltag.

Am Wahltag geht es nicht darum, WEM man seine Stimme am liebsten geben würde, am Wahltag entscheidet jeder Wähler für sich, WEN er wählt, um am Ende DAS Ergebnis zu erhalten, das er sich wünscht. Wenn nun, wie in Niedersachsen geschehen, wochenlang laut Umfragen Rot-Grün VOR Schwarz-Geld prognostiziert wird, dann ist das eben nur ein MOMENTANES Stimmungsbild. Genau das aber beeinflusst in hohem Maße am Wahltag selbst die Wahlentscheidung.

Darum haben CDU-Wähler für die FDP gestimmt

In Niedersachsen mussten die Anhänger eines konservativ-liberalen Regierungsbündnisses befürchten, dass es am Ende nicht reicht, weil die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde. Also dachten sich viele Anhänger und Stammwähler der CDU: Was nützt es, die CDU zu wählen, wenn am Ende die FDP scheitert und auf diese Weise die Regierung nicht fortgesetzt werden kann. Logischerweise haben viele (eigentliche) CDU-Wähler, die natürlich auf die sog. Sonntagsfrage mit 'CDU' geantwortet haben, letztlich dann doch wenigstens mit der Zweitstimme die FDP gewählt, um sicherzustellen, dass es am Ende eben doch reicht, um das Bündnis CDU-FDP zu retten.

Genau das ist an diesem Wahl-Sonntag in Niedersachsen passiert. Und man darf sich fragen, ob nicht vielleicht sogar die Tatsache, dass fortwährend die FDP im Niedergang gesehen und vorhergesehen wurde, am Ende für genau das Gegenteil gesorgt hat. Denn, wer die Mentalität der ländlich geprägten Niedersachsen kennt, der weiß, dass man dort im Zweifel eher einen schwächelnden FDP-Partner unterstützt als einer rot-grünen 'Chaos-Regierung' in den Sattel zu verhelfen. Insofern war die 'Leihstimmen-Kampagne' (mal wieder) äußerst erfolgreich.

Und natürlich ist die FDP gut beraten, ihren blutleeren und ebenfalls längst totgesagten Vorsitzenden, Philipp Rösler bloß im Sattel zu halten, statt ihn jetzt zu demontieren. Es klingt paradox, aber Niedersachsen hat gezeigt: Gerade weil die FDP schonungslos als 'Fast-Drei-Prozent'-Partei propagiert wurde, ist sie stärker aus der Wahl hervorgegangen, als es die tollkühnsten Demoskopen vorherzusagen gewagt hätten. Philipp Rösler ist eben nicht eine Gefahr für Merkels Union und ihr Bündnis mit der FDP bei den anstehenden Bundestagswahlen im Herbst, nein, gerade der anscheinend wankende FDP-Chef wird erst zum scheinbaren Garanten für die Fortsetzung von Schwarz-Gelb auf Bundesebene.

So nahe liegen anscheinend und scheinbar nebeneinander. Bei alledem: Anscheinend hat Sigmar Gabriel Recht: Jede Stimme für die Piraten und Linken ist eine Stimme für Schwarz-Gelb. Hätten jene Wähler, von denen man ausgehen kann, dass sie eher nicht zu den Anhängern von Schwarz-Gelb zählen, SPD oder Grüne gewählt - diese Zitterpartie wäre uns erspart geblieben, und schon die erste Hochrechnung hätte Rot-Grün als neue Regierung von Niedersachsen ausgewiesen. Wahrscheinlich. Anscheinend wahrscheinlich. Und wahrscheinlich nicht nur scheinbar.

Politik bleibt spannend, dies weder anscheinend noch scheinbar, sondern ganz sicher!

von Andreas Langheim,

Redakteur RTL Nachtjournal

Andreas Langheim hat sich in seiner Ausbildung intensiv am Publizistischen Institut in Münster mit Wahlforschung und dem Vorhersagewert repräsentativer Befragungen befasst.