Corona-Krise

Fast 1.000 Tote an nur einem Tag. Was ist bloß in Italien los?

28. März 2020 - 14:11 Uhr

Italien schafft den Umschwung nicht

Seit fast drei Wochen ist Italien stillgelegt. Die Menschen dürfen so gut wie gar nicht das Haus verlassen. Fast alle Geschäfte haben geschlossen. Ein öffentliches Leben existiert nicht mehr. Und trotzdem: Die Infiziertenanzahl steigt weiter an und am Freitag dann der bisherige dramatische Höhepunkt: Italien meldet fast 1.000 Corona-Tote an nur einem Tag - so viel wie nie zuvor.

"Es ist ein Massaker"

27.03.2020, Italien, Cinisello Balsamo: Särge, die aus der Gegend von Bergamo eintreffen, werden von Arbeitern in Schutzanzügen aus einem Militärfahrzeug in ein Gebäude des Friedhofs von Cinisello Balsamo getragen. Foto: Claudio Furlan/LaPresse/AP/dp
Coronavirus - Italien
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Unser RTL-Korrespondent Udo Gümpel berichtet seit Beginn der Corona-Pandemie aus Italien. Zuerst aus den Krisenregionen im Norden, jetzt aus Rom. Er ist ein erfahrener Reporter. Er hat in seinem Berufsleben schon viele Dinge gesehen. Auch sehr schlimme. Nun sagt er:

"Das ist ein Massaker".

Bürgermeister berichten ihm, dass Menschen abends mit ein wenig Fieber einschlafen und am nächsten Tag tot im Bett gefunden werden. Diese Fälle werden nicht mal in die Statistik aufgenommen. Keiner hat Zeit die Todesursache genau zu untersuchen. In Krankenhäusern herrschen Zustände, die wir in einem europäischen Land nicht erwarten würden. Gemeinden wissen nicht mehr, wo sie die Särge aufstellen sollen. Wenn wir das lesen, dürfen wir nicht vergessen: Wir sprechen über Italien. Unserem Urlaubslieblingsland.

Wieso wird es in Italien nicht besser?

26.03.2020, Italien, Pavia: Ein Arzt arbeitet auf der Covid-19-Intensivstation des San Matteo Krankenhauses, auf der ein Patient stationiert ist. Foto: Claudio Furlan/LaPresse/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Seit fast drei Wochen gibt es in Italien strenge Ausgangsbeschränkungen. Die Polizei kontrolliert sehr genau. Trotzdem muss die Zivilschutzbehörde auch am Freitag einen hohen Anstieg der Infiziertenzahl vermelden. Wie jeden Tag. Wieder fast 5.000 Infizierte mehr. Insgesamt sollen sich nun 86.498 Menschen mit dem gefährlichen Coronavirus infiziert haben. Mindestens schreiben wir, weil die Dunkelziffer hoch sein dürfte. Wie überall. Wird es gar nicht besser?

Doch etwas. Der Anstieg verläuft nicht mehr exponential. Das erkennt man daran, wie schnell sich die Infiziertenzahl verdoppelt. Vor zwei Wochen passierte das ungefähr alle zwei bis drei Tage. Jetzt sind es 8,5 Tage. Das ist ein positives Zeichen. Aber weil auch die Italiener viel zu lange gebraucht haben, um die Tragweite der Pandemie zu begreifen, sie viel zu lange so getan haben, als würde es nicht so schlimm werden und auch die strengen Regeln vielerorts einfach ignoriert haben, weil das alles so war, ist der Wendepunkt in Italien noch immer nicht erreicht.

Immer wieder wird das schlechte Gesundheitssystem als Grund genannt. Und die Altersstruktur der Einwohner. Es sind sehr viele alte Menschen, die jetzt dem Virus zum Opfer fallen. 80 Prozent der Toten seien über 70 Jahre alt gewesen, sagte am Freitag der Direktor von Italiens oberstem Gesundheitsinstitut ISS, Silvio Brusaferro. Jeder zweite Verstorbene hätte zudem mindestens drei oder mehr Vorerkrankungen gehabt.

Dazu kommt: In Italien gibt es rund 5.000 Intensiv-Betten. Also 5.000 Möglichkeiten, Menschen intensiv zu behandeln. Im Fall von Covid-19, der Lungenkrankheit, die durch das Coronavirus ausgelöst wird, heißt das vor allem: Künstliche Beatmung. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 28.000 Intensivbetten. Und selbst die würden nicht reichen. Das sagt alles über Italien aus. Dort müssen Ärzte jeden Tag entscheiden, welche Patienten beatmet werden und welche nicht. Man könnte auch sagen: Sie müssen entscheiden, wer überleben darf und wer nicht.

Die Stimmung im Land ist gekippt: "Hier singt niemand mehr"

Wir kennen alle die emotionalen Videos von Menschen, die auf ihren Balkonen stehen und singen oder Musik machen. Wir alle waren beeindruckt davon, dass sich die Italiener ihren Mut offenbar vom Virus nicht nehmen lassen. Doch nun sagt unser Korrespondent:

"Hier singt niemand mehr!"

Die Stimmung ist gekippt. Die positive Energie scheint aufgefressen von Todeszahlen, die jede Vorstellungskraft sprengen. Vor ein paar Tagen sprach eine italienische Ärztin von einem Tsunami, der über Italien hinweg gerollt sei. Ein Tsunami ist nicht nur viel zu schnell, um sich noch in Sicherheit zu bringen, er ist zudem auch so stark, dass er alles zerstört, was sich ihm in den Weg stellt. Auch die stärksten Mauern. Italien ist in einem Schockzustand und man weiß nicht, wann es sich aus dieser Umklammerung wieder lösen kann.

Was bedeutet das für uns in Deutschland?

Seit Wochen warnen uns italienische Experten, dass wir nicht die gleichen Fehler machen sollen, dass wir rechtzeitig handeln sollen. Ob wir das getan haben, werden wir laut unserer Experten erst in einer Woche wissen. "Es ist die Ruhe vor dem Sturm" sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag. Wird es so schlimm wie in Italien? Werden wir auch so viele Corona-Tote vermelden müssen? "Nein" sagen unsere Virologen, schränken aber ein, dass es eigentlich auch niemand ausschließen kann. Der Anstieg der Infiziertenanzahl verläuft so wie in Italien, nur liegen wir etwa 1,5 Wochen hinter Italien. Die spannende Frage für Deutschland ist also: Haben wir diese 10 Tage richtig genutzt?