Fall Kalinka: Bewährungsstrafe zeugt von Sympathie für Selbstjustiz-Aktion des Vaters

18. Juni 2014 - 19:26 Uhr

Kommentar von Ulrich Vonstein, der findet: Ein Sieg der Gerechtigkeit

Darf der Vater eines getöteten Mädchens der seiner Meinung nach ungerechten Justiz auf die Sprünge helfen? Nein, urteilte im Fall Kalinka das Gericht im französischen Mulhouse. Gleichwohl lässt das Urteil auf eine gewisse Sympathie für den Angeklagten André Bamberski schließen: Das Gericht verhängte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr.

Fall Kalinka Bewährung für Vater Bamberski
Die 14-jährige Kalinka starb 1982. Sie wurde tot im Bett ihres Stiefvaters gefunden.
© Getty Images, Handout

Die Geschichte des André Bamberski ginge jederzeit als Stoff für ein gutes Buch oder als Plot für einen spannenden Film durch. 1982 stirbt seine leibliche Tochter Kalinka. Die 14-Jährige wird tot im Bett ihres Stiefvaters gefunden, in dessen Haus in Lindau am Bodensee. Dieter K., ein Arzt, lebt dort mit Kalinkas Mutter, einer Französin, und dem Mädchen. Der damals 47-Jährige soll Kalinka Betäubungsmittel verabreicht haben, um sie zu vergewaltigen. Ins Gefängnis muss er indes nicht - das Verfahren gegen K. wird 1987 "aus Mangel an Beweisen" eingestellt. Aus diesem Grund wird er auch nicht an Frankreich ausgeliefert.

André Bamberski kann das nicht verstehen. Zumal Dieter K. einige Jahre wegen eines Verbrechens verurteilt wird, das Parallelen zum Fall Kalinka aufweist: Weil er eine 16-Jährige mit Schlafmitteln betäubt und vergewaltigt, erhält K. eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Bamberski lässt der vermeintlich ungesühnte Mord an seiner Tochter keine Ruhe, er beschließt, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. 2009 lässt er Dieter K. in Bayern entführen und über die Grenze nach Frankreich bringen. Dort wird er gefesselt und geknebelt gefunden, die Polizei nimmt ihn fest, er muss sich vor Gericht im Fall Kalinka verantworten.

15 Jahre Haft für Dieter K. wegen Körperverletzung mit Todesfolge

Fall Kalinka Bewährung für Vater Bamberski
Kalinkas Vater André Bamberski (Archivaufnahme von Dezember 2012).
© dpa, Yoan Valat

Beim Prozess in Frankreich neigt sich Justizias Waage anders als in Deutschland: Dieter K. wird 2011 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 15 Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr später wird das Urteil im Berufungsprozess bestätigt. Für André Bamberski hat die Gerechtigkeit gesiegt. Aus seiner Urheberschaft an K.'s Verschleppung macht er nie ein Hehl, aus seiner Sicht konnte er nicht anders handeln. "Ich hätte nie vor Gericht gestellt werden dürfen", sagte er zum Auftakt des Prozesses gegen ihn in Mulhouse, wo er wegen "Entführung, Beihilfe zur Gewaltanwendung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung" angeklagt worden war. Die Höchststrafe dafür wären zehn Jahre Haft gewesen.

Mit dem jetzigen Urteil ist der Fall Kalinka nach mehr als drei Jahrzehnten juristisch abgeschlossen. Für seine Selbstjustiz-Aktion wurde ihr heute 76 Jahre alter Vater zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Das Urteil ist härter, als von der Staatsanwaltschaft gefordert (sechs Monate). "Menschlich gesehen, bin ich beeindruckt von Ihrem Mut und Ihrer Beharrlichkeit", sagte Anklagevertreter Hervé Robin.

Das Urteil wird nicht alle Menschen zufriedenstellen, der Volksmund spricht nicht umsonst von "Zwei Juristen, drei Meinungen". Wer den Schuldspruch jetzt als zu milde kritisiert, sollte eines bedenken: André Bamberski hat sich nicht selbst zum Richter gemacht, obwohl sein Urteil über Dieter K., feststand, den er stets für den Mörder seiner Tochter hielt.

Er hat lediglich dafür gesorgt, dass die französische Justiz über K. urteilen konnte. Zugegebenermaßen mit einer spektakulären Aktion und Methoden, die ein Rechtsstaat nicht gutheißen kann. Ihn dafür zu bestrafen, ist daher recht und billig. Ihn dafür nicht ins Gefängnis zu stecken, ist es mindestens ebenso. Es ist ein Sieg der Gerechtigkeit, denn der Mann, der schuld an Kalinkas Tod ist, sitzt im Gefängnis. Ohne André Bamberski täte er das nicht.