Herzstillstand oder Erstickung

Ein Tod, zwei Autopsieberichte: Woran starb George Floyd?

Black Lives Matter Graffiti
© John Marshall Mantel/ZUMA Wire / SplashNews.com

02. Juni 2020 - 10:45 Uhr

Woran starb George Floyd?

Dass George Floyd in Minnesota durch die Hände von mindestens einem Polizeibeamten gestorben ist – da sind sich die Gerichtsmediziner einig. Doch während der von Floyds Familie beauftragte Autopsiebericht von einem Tod durch Ersticken ausgeht, ist im offiziellen Bericht der Behörden von einem von den Polizisten verursachten Herzstillstand die Rede – begünstigt durch Vorerkrankungen.

Von Familie beauftragter Autopsiebericht geht von Erstickungstod aus

"Was wir gefunden haben, stimmt mit dem überein, was die Menschen [auf den Videos] gesehen haben. Es gibt keine anderen Gesundheitsprobleme, die den Tod verursacht oder begünstigt haben könnten", heißt es in einer Mitteilung von Dr. Michael Baden und Dr. Allecia Wilson, die von den Anwälten der Familie mit der Untersuchung betraut wurden. George Floyd sei erstickt, weil sein Nacken und sein Rücken vom Knie des Polizisten über acht Minuten lang zusammengedrückt worden seien. Dabei sei der Blutfluss in einer Arterie unterbrochen und seine Atmung eingeschränkt worden.

Anwalt von George Floyds Familie: „Der Krankenwagen war sein Leichenwagen“

Die Ärzte gehen davon aus, dass Floyd bereits am Ort des Geschehens verstarb. "Der Krankenwagen war sein Leichenwagen", sagte Ben Crump, der Anwalt seiner Familie, ebenfalls in der Mitteilung. "Ohne Zweifel wäre er noch am Leben, wenn Derek Chauvin ihm nicht auf seinen Hals gedrückt und zwei andere Beamte sich nicht auf seinen Rücken gekniet hätten." Der vierte Polizist habe sich mit seinem Schweigen und seiner Tatenlosigkeit schuldig gemacht. Crump betonte, dass der Beamte Floyd mit seinem Knie minutenlang zu Boden gedrückt und seine Warnungen und Hinweise auf einen Todeskampf ignoriert habe. Dieses Vorgehen fordere eine Anklage wegen Mordes.

Offizieller Autopsiebericht spricht von Herzstillstand

Der offizielle Bericht der Behörden von Hennepin County lautet anders. George Floyd habe einen Herzstillstand infolge von Druck auf den Nacken und des Festhaltens gehabt, heißt es in dem Bericht. Andere, signifikante Vorerkrankungen seien eine Herzerkrankung sowie Fentanyl und Methamphetamin im Blut gewesen. Von einem möglichen Erstickungstod ist in dem Bericht keine Rede.

Es heißt zwar, George Floyd sei durch "homicide" zu Tode gekommen, was so viel heißt wie "Tötungsdelikt". Doch es wird auch betont, dass aus dieser Einordnung nicht hervorgehe, ob die Tötung absichtlich geschehen sei.

Welle von Protesten in den USA

Seit dem Tod von George Floyd erschüttert eine Welle von teils gewaltsamen Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt die USA. Die vier Polizisten wurden zwar entlassen – doch nur der weiße Ex-Polizist, der Floyd sein Knie in den Nacken drückte, wurde wegen Mordes angeklagt und ist in Untersuchungshaft. Viele Demonstranten fordern, auch die anderen drei Beamten für ihr Handeln zur Verantwortung zu ziehen.

Der Anwalt von Floyds Familie rief dazu auf, die Proteste wegen Floyds Tod fortzusetzen, die sich über das ganze Land ausgebreitet haben. Er forderte aber zugleich Gewaltverzicht bei den Demonstrationen, von denen viele in Ausschreitungen und Plünderungen ausgeartet sind.