"Fahrradgate" in Sachsen

Leipziger Polizistin soll mehr als 1.000 geklaute Fahrräder aus der Asservatenkammer verkauft haben

Vor dem Weltfahrradtag am 3.6.
© dpa, Hendrik Schmidt, hsc;ali;cse dna alf

24. Juni 2020 - 17:57 Uhr

43-jährige Beamtin arbeitete im Bereich Fahrradkriminalität

Die Polizei in Sachsen geht laut "Dresdner Morgenpost" einem skurrilen Korruptionsverdacht in ihren eigenen Reihen nach. Es beginnt mit einem harmlosen Tweet des sächsischen Innenministeriums. Die Polizeidirektion Leipzig gehe einer Straftat "im Zusammenhang mit der Verwertung sichergestellter Fahrräder" nach. Das LKA habe die Ermittlungen übernommen. Hat eine Polizistin jahrelang Hehlerei betrieben? Wir haben versucht, die Beamtin mit den Vorwürfen zu konfrontieren – wie sie reagiert, zeigen wir im Video.

Hochwertige Fahrräder billig an Beamte verkauft?

Doch die Details, die die "Dresdner Morgenpost" herausgefunden haben will, haben es in sich. Eine 43-jährige Polizistin soll innerhalb von vier Jahren mehr als tausend sichergestellte Fahrräder verkauft haben. Sie soll in der Ermittlungsgruppe "Zentrale Bearbeitung der Fahrradkriminalität" gearbeitet haben und so Zugang zu den sogenannten Asservaten gehabt haben.

Einen Preis von maximal 50-100 Euro für teils hochwertige Fahrräder soll sie aufgerufen haben. Unter ihren Kunden: Angeblich mindestens 40 Mitarbeiter aus allen Bereichen. Aus den Reihen der Kriminalpolizei, den Polizeirevieren, dem Führungs- und Lagezentrum und dem sogenannten Referat 3 - zuständig für "Kriminalitätsbekämpfung".

Antikorruptionseinheit ermittelt

Auch diesen Beamten soll nun ein Ermittlungsverfahren drohen, so steht es laut der "Dresdner Morgenpost" in einem Sachstandsbericht des Landeskriminalamtes. Die Antikorruptionseinheit "Ines" hat den Fall übernommen.

Angeblich gibt es sogar Hinweise, wonach selbst Staatsanwälte und Richter betroffene Fahrräder billig erstanden haben sollen. Die Dresdner Morgenpost will das von einem hochrangigen Beamten erfahren haben. Das Landeskriminalamt bestätigt diese delikate Information nicht.

Inzwischen gab es schon mehrfach Demonstrationen wegen des Vorfalls in Leipzig. Unter dem Motto "Wo sind unsere Fahrräder?" zogen einige Menschen durch die Straßen und forderten die lückenlose Aufklärung von "Fahrradgate".

Innenministerium weiß seit einem Jahr von dem Fall

Wie peinlich der Skandal dem sächsischen Innenministerium als oberste Dienstbehörde zu sein scheint, zeigt sich an ihrer Informationspolitik. Erst auf den Zeitungsbericht reagierte das Ministerium und musste zugeben, dass der Fall bereits intern im Sommer 2019 bekannt wurde.

Die Beschuldigte arbeitete in der Abteilung "ZentraB Fahrrad". Sieben Jahre lang saß diese Ermittlungszentrale für Fahrraddiebstähle in Leipzig und wurde angeblich aufgrund der Ermittlungen heimlich, still und leise aufgelöst. Noch ist unklar, was der Polizistin nun droht. Laut Innenministerium wurden "personalrechtliche Maßnahmen vollzogen".

Leipzig ist Hauptstadt der Fahrraddiebe

1.700 Räder auf 100.000 Einwohner werden pro Jahr in Leipzig gestohlen. Damit ist Leipzig auf Platz 1 in Deutschland. Viele der Fahrräder sollten nun also wieder einen neuen Besitzer gefunden haben.