Fachleute aus EU-Krisenländern gesucht

Bei der Bewältigung des Fachkräftemangels setzt die Bundesagentur für Arbeit auf qualifizierte Zuwanderer aus europäischen Krisenländern.
Bei der Bewältigung des Fachkräftemangels setzt die Bundesagentur für Arbeit auf qualifizierte Zuwanderer aus europäischen Krisenländern.
© dpa, Martin Schutt

09. Februar 2016 - 14:09 Uhr

Arbeitsagentur umwirbt ausländische Fachkräfte

Zur Behebung des Fachkräftemangels in Deutschland wirbt die Bundesagentur für Arbeit jetzt gezielt in südeuropäischen Krisenregionen mit hoher Arbeitslosigkeit um qualifizierte Bewerber. Nach Angaben der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit (BA) werden junge Fachkräfte in Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal gesucht. In ihrer Heimat sind sie infolge der Wirtschaftskrise oft ohne Job und berufliche Perspektive.

"Die Bewerbernachfrage in Spanien und Griechenland ist sehr groß und auch in Portugal gestiegen", sagte ZAV-Sprecherin Beate Raabe in Bonn. Genaue Zahlen gebe es nicht. Die ZAV bietet gemeinsam mit den nationalen Arbeitsbehörden in den einzelnen Ländern Informationsveranstaltungen und Beratungen an. Ein Haupthindernis für einen Wechsel nach Deutschland seien fehlende Sprachkenntnisse.

Kritik kam von der CSU. Vorrang vor neuen Anwerbekampagnen müsse die Vermittlung heimischer Arbeitsloser haben. Er wünsche sich, dass sich die Bundesagentur mit großem Nachdruck auf den Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit und die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer konzentriere, sagte Parteichef Horst Seehofer in München. Auch Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) forderte die BA auf, sich um die schon in Deutschland lebenden Menschen zu kümmern. "Da hat sie genug zu tun. Da haben wir noch erhebliche Ressourcen, die wir heben könnten."

In Spanien, wo rund 40 Prozent der jungen Leute arbeitslos sind, sucht die ZAV vor allem Ingenieure. Dazu gab es bereits mehrere Informationsveranstaltungen und Rekrutierungsbörsen in Madrid und Barcelona, an denen auch deutsche Unternehmen teilnahmen. Sie seien ein Erfolg gewesen, sagte Raabe. Für den Herbst seien in Spanien weitere solche Veranstaltungen geplant. "Das Grundinteresse ist breit, aber bis es tatsächlich zu Bewerbungen im Einzelfall kommt, ist es ein weiterer Schritt."

800.000 Fachkräfte bis 2025

"Es gibt ein großes Potenzial in Spanien, Tausende von Ingenieuren sind arbeitslos, auch IT-Spezialisten", sagte ZAV-Direktorin Monika Varnhagen der 'Welt'. 17.000 Spanier seien grundsätzlich an einer Arbeit in Deutschland interessiert.

In Portugal richtet sich das Interesse auf Pflegekräfte. Dort gebe es "einen leichten Überhang an Pflegekräften, die in Deutschland dringend gebraucht werden", erläuterte Raabe. In Griechenland sind vor allem junge Ärzte interessant. Dort sei das Verfahren zur Facharztausbildung sehr langwierig. "Deutsche Krankenhäuser suchen händeringend Ärzte, die hier eine Facharztausbildung machen."

Die Bundesagentur für Arbeit stellte in einem Zehn-Punkt-Plan in Aussicht, durch eine gesteuerte Zuwanderung könnten insgesamt 800.000 Fachkräfte bis 2025 nach Deutschland kommen. Für Nicht-EU-Bürger - in der EU gibt es die Freizügigkeit - wurde nach einem Beschluss der Bundesregierung inzwischen auch die sogenannte Vorrangprüfung für Ärzte und bestimmte Ingenieure ausgesetzt. Die Regelung besagt, dass eine Stelle nur dann mit einem Nicht-EU-Bürger besetzt werden kann, wenn dafür keine deutsche Arbeitskraft zu finden ist.

Nach Erfahrungen der ZAV erschweren auch innerhalb der EU meist fehlende Kenntnisse der deutschen Sprache die Vermittlung. Sprachangebote für Deutsch seitens der ZAV gibt es nicht. "Viele Bewerber sind zwar fachlich versiert, wenn aber Deutsch- Kenntnisse fehlen, wird es schwierig, einen Arbeitgeber in Deutschland zu finden", so Raabe. Deshalb gehe es bei den ZAV-Veranstaltungen auch darum, diejenigen Bewerber herauszufiltern, die Deutschkenntnisse haben oder sich aneignen wollen. Nach den Informationsveranstaltungen habe das Interesse an Deutschkursen in Goethe-Instituten in Spanien stark zugenommen.

In vielen Ländern Europas werde Deutsch gar nicht mehr als Fremdsprache angeboten, sagte ZAV-Direktorin Varnhagen. "Viele Hochqualifizierte lernen nur Englisch und gehen dann eben auch in englischsprachige Länder, wenn sie in ihrem Heimatland keine Beschäftigung finden." Zudem böten angelsächsische Länder den qualifizierten Zuwanderern nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern ein Rundum-Paket für die ganze Familie - mit Sprachkurs, Wohnung, Job für die Ehefrau und Kindergartenplatz fürs Kind. "Aus diesen Beispielen können wir in Deutschland lernen. Es reicht nicht, attraktive Firmen und Produkte zu haben, die Gesellschaft muss auch bereit sein, diese Menschen aufzunehmen und zu integrieren", so die ZAV-Direktorin.