F1-Welt steht Kopf: Vettel jagt plötzlich Hamilton

21. September 2015 - 11:24 Uhr

Fracksausen bei Silber, Titelhoffnungen bei den 'Roten': Der Singapur-GP hat die F1-Welt mal eben auf den Kopf gestellt. Während Sebastian Vettel nach seinem dritten Erfolg mit Ferrari vom Wunder träumt, bläst Mercedes Trübsal - allen voran WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton, der in der Nacht von Singapur eine verbale Bankrotterklärung lieferte.

Sebastian Vettel, Ferrari, Singapur
Ferrari-Pilot Sebastian Vettel träumt nach dem Singapur-GP wieder vom Wunder.
© dpa, Diego Azubel

Kaum hatte Sebastian Vettel in seinem Ferrari-Märchen den nächsten Akt geschrieben, da setzte der Vierfach-Weltmeister zur großen Kampfansage an. "Wir müssen jetzt auf uns schauen und Mercedes attackieren. Es kommen noch einige Rennen, vielleicht können wir das Unmögliche möglich machen", sagte der Deutsche, der sich in 61 Runden keinen einzigen Fehler leistete und zum dritten Mal seit seinem Wechsel zur Scuderia ganz oben auf dem Treppchen stand.

Die Emotionen waren wie schon bei seinen vorherigen Besuchen auf dem Podest riesig, der Blick aber ein wenig verschwommener. Nachdem Vettel sich einen tiefen Schluck aus der Champagner-Flasche gegönnt hatte, verriet der Ferrari-Mann mit einem verschmitzten Lächeln: "Meine Trinkflasche hat bei Rennhälfte nicht mehr funktioniert, vielleicht habe ich jetzt schon leicht einen sitzen."

Die Laune von Lewis Hamilton, sie hätte gegensätzlicher nicht sein können. Der Brite, der die Saison bis dato nach Belieben dominiert hatte, erlebte ein rabenschwarzes Wochenende, das mit seinem ersten Ausfall seit mehr als einem Jahr endete. "Wir haben uns mit den Reifen schwergetan. Wir haben sie nicht ans Arbeiten bekommen", konstatierte Hamilton und gestand ein. "Das ist ein Rätsel. Ich habe keine Ahnung, was die Ursache sein könnte."

Bei Mercedes tappen die Verantwortlichen noch immer im Dunkeln, warum ihr Schützling auf einmal an Leistung verlor, auf den letzten Platz zurückfiel und seinen Boliden völlig entnervt in der Garage abstellte. Nico Rosberg hatte zwar nur mit seinen Reifen zu kämpfen, das Tempo von Ferrari konnte der zweite Mercedes-Pilot aber auch nicht mitgehen. "Wir stehen vor einem Rätsel, warum unser Auto hier so langsam war. Bei uns kratzen sich alle die Köpfe", so Rosberg, der seinen Rückstand auf WM-Leader Hamilton auf 41 Zähler verkürzte.

Wolff: Ferrari war nicht zu schlagen

Lewis Hamilton, Mercedes, Singapur
Bei Lewis Hamilton und seinen Mechanikern rauchten nach dem Singapur-GP die Köpfe.
© dpa, Diego Azubel

Erster Herausforderer des Titelverteidigers ist zwar immer noch der Kollege aus dem eigenen Team, Vettels WM-Traum lebt aber mehr denn je, ließ er die Silberpfeile in Singapur doch wie lange nicht mehr zu bloßen Statisten verkommen. "Ferrari war an diesem Wochenende nicht zu schlagen", erkannte auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff an und sprach das aus, was niemand mehr für möglich gehalten hätte: "Sie sind jetzt sowohl in der Fahrer- als auch in der Konstrukteurs-WM ein Gegner. Mit denen muss man rechnen."

Was Mercedes Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass die Ingenieure in Zusammenarbeit mit den Fahrern nicht in der Lage waren, die Probleme an den drei Tagen zu lokalisieren. Dass Hamilton und Rosberg unisono von einem "Rätsel" sprechen, ist praktisch eine verbale Bankrotterklärung von einem Team, das die Formel 1 lange und scheinbar unaufhaltsam in Grund und Boden gefahren hatte.

In Maranello träumen die Tifosi deshalb schon wieder vom Wunder durch ihren neuen Liebling, auch Teamchef Maurizio Arrivabene machte mit Blick auf die WM eine zaghafte Kampfansage. "Ich will jetzt keine Vorhersage für die WM machen", unkte der Italiener, sagte dann aber auch: "Es gibt noch eine Menge Punkte zu holen und wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um vorne zu bleiben."

Ob das wirklich gelingt, hängt auch davon ab, ob Mercedes einen psychologischen Knacks bekommen hat. Die Probleme vom Singapur-GP, der wegen seiner Charakteristik einzigartig ist, sollten sich beim kommenden Grand Prix in Japan eigentlich nicht wiederholen. Falls widererwartend doch, wird Ferrari da sein und eine praktisch entschieden geglaubte WM wirklich noch einmal spannend - ganz zur Freude von Vettel, der schon bei seinem ersten WM-Triumph 2010 einen schier aussichtslosen Rückstand, damals auf Fernando Alonso, aufgeholt hatte. Ob sich die Geschichte wiederholt?