Zusammen sind wir schwach

"F*****!" - wenn ein Wort alles sagt

Griff in Sevilla sechs Mal hinter sich: Manuel Neuer
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18. November 2020 - 16:29 Uhr

Ein Kommentar von Manuel Lippert

Eigentlich wollte ich gestern ein bisschen SchleFaZ gucken, hatte Bock auf was richtig Schlechtes. Hat man ja manchmal. Aber dann – wie so oft – blieb ich wieder beim Fußball hängen. Und eine bessere Entscheidung hätte ich nicht treffen können, denn ich schlug gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Wenn nix mehr geht

Erstens habe ich sowas Schlechtes lange nicht mehr gesehen, dagegen ist zum Beispiel Vampirella mindestens Bambi-verdächtig. Und zweitens habe ich etwas Wichtiges gelernt. Nicht jeder hat mal einen schlechten Tag. Nein, auch alle auf einmal können einen schlechten Tag haben. Man lernt ja nie aus.

Video: Löw will aus Debakel lernen

Und jetzt? Nur Hohn und Spott? Klar, ist leicht und macht ja auch diebische Freude. 0:6 gegen Spanien, größte DFB-Klatsche seit fast 90 Jahren, was will man da noch sagen? Positiv könnte man anmerken, dass es immerhin nicht zweistellig wurde. Aber im Grunde waren sich beide Mannschaften sehr dienlich, wenngleich auf unterschiedliche Weise. Hier der Lehrmeister, der – in jeder Hinsicht – zeigte, wie man es richtig macht, da der Lehrmeister, der – ebenfalls in jeder Hinsicht – zeigte, wie man es falsch macht. Denn bei Toni Kroos & Co. ging einfach gar nichts zusammen.

Video: Hagemann - "Das darf nicht passieren"

Neuer bringt es schon während des Spiels auf den Punkt

Manuel Neuer, vermutlich der einzige Sportler unter der Sonne, der bei seinem Rekordspiel einen Alptraum erlebte, brachte es beim Treffer zum zwischenzeitlichen 0:4 auf den Punkt. "F*****", brüllte der 96-malige Nationalkeeper in den andalusischen Nachthimmel und hämmerte wutschnaubend mit den Flossen an den Pfosten. Einer von zwei Aluminiumtreffern der DFB-Elf an diesem Horrorabend von Sevilla. Den zweiten gab's später von Serge Gnabry – es war der einzige Torschuss auf den Kasten der spanischen A- bis B-Elf. Ansonsten waren die 90 Minuten eine einzige Kapitulation.

Sogar Kroos in teamgeistiger Quarantäne

Wäre Donald Trump Bundestrainer, würde er sich wahrscheinlich trotzdem zum Gruppensieger erklären. Joachim Löw tat das nicht. Löw ist Staatsmann und kann verlieren, das hat er schon oft genug gezeigt. Und er kann ein Team wieder aufrichten. Auch nach dem WM-Debakel 2018 gab es guten Fußball unter seiner Führung – auch und gerade in Anbetracht aller neuen Spieler, die er an die Nationalmannschaft heranführte. Aber nicht nur die liefen gestern rum wie eine Thekenmannschaft, die mal wieder VOR dem Spiel an der Theke war – und danach keine Mannschaft mehr. Selbst Führungsspieler wie Kroos oder Ilkay Gündogan befanden sich im fußballerischen Lockdown nebst teamgeistiger Quarantäne.

Und jetzt? Erst mal Pause

Löw, der sich nur bis nach der EM 2021 der getreuen Wegbegleitung seines Vorgesetzten Oliver Bierhoff sicher sein darf, nimmt nun mehr Hausaufgaben in die ohnehin schon Corona-beschwerte Weihnachtszeit, als ihm lieb sein kann. "Ich hoffe, das ist ein einmaliger Fall. Wir müssen daraus lernen", meinte Bierhoff wenig überraschend. Doch damit geht jetzt jeder erst einmal alleine nach Hause. Viel ZUSAMMEN ist da nicht. Vier Monate Pause, dann ein paar Testspiele, WM-Quali, und schon steht die EM auf dem Plan. Auch dieser Weg wird kein leichter sein, und vielleicht endet er ja auch dann - oder schon vorher. Für wen auch immer.