2014 M10 24 - 23:50 Uhr

EXTRA-Redakteurin Düzen Tekkal und Streetworker Thomas Sonnenburg berichten ein Jahr nach der preisgekrönten Reportage über Jugendstraftäter und treffen die straffälligen Migrantenkinder von Bad Godesberg wieder. Wie das "EXTRA"-Team die jugendlichen Straftäter mit Migrationshintergrund heute erlebt und welche dramatischen Entwicklungen sich ein Jahr nach ihrem letzten Besuch abzeichnen, berichtet Düzen Tekkal im Interview.

Düzen, in Ihrer neuen Reportage haben Sie erneut die straffällig gewordenen Jugendlichen Ahmed und Mehdi über eine längere Zeit begleitet. Wie haben Sie sie ein Jahr nach den ersten Dreharbeiten erlebt?

Ich konnte kaum glauben, dass die Dreharbeiten erst ein Jahr zurücklagen, denn Ahmed und Mehdi kamen mir viel älter vor als noch im vergangenen Frühjahr. Sie sind ernster, die Unbeschwertheit und Selbstverständlichkeit, mit der sie noch vor zwölf Monaten ihre kriminellen Handlungen begangen, ist nahezu verschwunden und der Erkenntnis gewichen, was sie aus ihrem Leben gemacht haben. Man könnte sagen, sie sind erwachsen geworden. Andererseits hat sie die Realität knallhart eingeholt. Die Einbrüche, die Kriminalität schlägt sich jetzt unmittelbar in ihrem Leben nieder. Das wird ihnen jetzt zum ersten Mal richtig bewusst. Einerseits muss sich Mehdi in seinem Job beweisen und hat dabei große Schwierigkeiten, auf der anderen Seite steht Ahmed buchstäblich vor einem Scherbenhaufen.

Sie haben in 2010 in Ihrer Reportage zum ersten Mal Täter und Opfer miteinander konfrontiert. Haben die jugendlichen Straftäter Lehren aus den Begegnungen gezogen?

Sie haben gute Vorsätze, aber große Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Die Botschaft ist angekommen, dass es sich um Menschen handelt, denen sie mit ihrem Verhalten Schaden zugefügt haben. Interessant ist zum Beispiel, dass die zwei Ladenbesitzer aus unserer Reportage seit der Ausstrahlung der Sendung im vergangenen Jahr keine weiteren Einbrüche verzeichnen. Die Jugendlichen haben weitestgehend verstanden, dass es nicht richtig ist, was sie getan haben, aber noch nicht, wie sie jetzt ihr Leben gestalten sollen. Sie befinden sich genau dazwischen und haben Schwierigkeiten, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, weil ihnen die alltäglichen Tugenden fehlen wie Disziplin, Ausdauer und Zuverlässigkeit, aber auch die so wichtigen und prägenden positiven Erfahrungen aus ihrer Kindheit.

Beim Thema Integration ist vor allem auch die Politik in der Verantwortung. Sind hier Fortschritte erkennbar?

Das Thema Integration ist vor allem seit den Debatten im vergangenen Jahr nicht mehr von der politischen Agenda wegzudenken. Die Diskussionen haben eindeutig gezeigt, dass es wichtig ist, konkrete Maßnahmen folgen zu lassen. Vor allem Migrantenkinder aus bildungsfernen Schichten brauchen nach wie vor viel mehr Unterstützung. Hier sollte die Politik vor allem in sozialen Brennpunkten unbedingt mehr Integrationsmaßnahmen schaffen. Ich denke da besonders an frühkindliche Förderung, von der Hausaufgabenbetreuung in den Schulen bis hin zur Versorgung mit einer warmen Mahlzeit und Beschäftigungen am Nachmittag. In Bad Godesberg sind momentan konkrete Entwicklungen leider kaum zu beobachten. Es gibt zum Beispiel sieben Spielotheken, aber kein Jugendzentrum, wo die Jugendlichen zusammenkommen und ihre Freizeit verbringen können.

Sie sind mit dem Thema Migration bestens vertraut. Wie schätzen sie die Prognose von Experten heute ein, dass die Konflikte in Bad Godesberg beispielhaft für eine gesamtdeutsche Entwicklung sind?

Ich bin mir sicher, dass mit der Zahl der sich selbst überlassenen, nicht integrierten Jugendlichen die Gefahr für die gesamtdeutsche gesellschaftliche Entwicklung wächst. An der Integrationsdebatte seit dem vergangenen Jahr rund um Bundespräsident Christian Wulff, Thilo Sarrazin und jüngst Bundesinnenminister Friedrich erkennt man eindeutig, wie heftig dieses Thema in ganz Deutschland diskutiert wird. Die Probleme sind in vielen deutschen Städten vorhanden. In Bad Godesberg liegt es natürlich auch an der historisch bedingten Entwicklung, dass sich ein sozialer Brennpunkt in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Bonner Regierungsviertel entwickelt hat, wo heute noch immer die alt eingesessenen Deutschen leben und sich von ihren ausländischen Nachbarn bedroht fühlen. Generell muss ein Prozess des Umdenkens in Gang gesetzt werden: Jugendliche Straftäter müssen als falsche Vorbilder dargestellt und mit Hilfe konkreter Maßnahmen integriert werden. Gleichzeitig sollte man verstärkt positive Vorbilder in den Fokus rücken. Ein weiteres Thema ist auch die nicht vorhandene Chancengleichheit zum Beispiel für gut ausgebildete junge deutsch-türkische Akademiker.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem "Bayerischen Fernsehpreis" für Ihre Reportage "Angst vor den neuen Nachbarn"?

Wir wollten mit der Reportage auf die Situation und die besonderen Probleme Jugendlicher der dritten Migrantengeneration hinweisen und sind auf offene Ohren gestoßen. Darüber sind wir sehr glücklich. Dieser Preis bedeutet für mich vor allem die Freiheit, auch weiterhin auf diese Themen aufmerksam zu machen. Es ist eine wunderbare Bestätigung der Arbeit. Den Vorteil, Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit zu haben, konnten wir nutzen und haben darüber hinaus einen Nerv getroffen. Natürlich bin ich auch sehr stolz, dass ich selber als gelungenes Integrationsbeispiel zeigen konnte, dass man trotz Herkunft aus einfachen Verhältnissen etwas erreichen kann. Ich kann nur an meine Landsleute appellieren, sich nicht als Opfer zu begreifen und, ohne die eigenen kulturellen Wurzeln aufzugeben, sich zu integrieren. Der Erwerb der deutschen Sprache ist dafür das wichtigste Fundament.