Nach Katastrophe im Libanon

Hunderttausende Menschen haben Dach über dem Kopf und Lebensgrundlage verloren

05. August 2020 - 15:48 Uhr

Explosionen in Beirut: Gebäude der deutschen Botschaft beschädigt

Nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut steht die Stadt am Mittelmeer unter Schock. Die Zahl der Toten stieg auf mindestens 100, teilte das libanesische Rote Kreuz mit. Zudem wurden etwa 4.000 Menschen verletzt. Unter den Verletzten durch die Explosion in Beirut sind auch Mitarbeiter der deutschen Botschaft. "Auch das Gebäude, in dem sich die deutsche Botschaft befindet, wurde beschädigt", erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.

Zwischen 200.000 und 250.000 Menschen ohne Unterkunft

Die schweren Schäden machten viele Häuser unbewohnbar. Zwischen 200.000 und 250.000 Menschen hätten ihre Unterkünfte verloren, sagte Gouverneur Marwan Abbud dem libanesischen Fernsehsender MTV. Sie würden mit Lebensmitteln, Wasser und Unterkünften versorgt. Es seien Schäden in Höhe von drei bis fünf Milliarden US-Dollar entstanden - "möglicherweise mehr", sagte er der Nachrichtenagentur NNA zufolge.

Experten warnten vor den Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes, die seit Monaten ohnehin unter einer der schwersten Krisen in der Geschichte des Libanons leidet. «Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft des Libanons und für das Land im Allgemeinen», sagte der Analyst Makram Rabah der Deutschen Presse-Agentur. Die Menschen könnten ihre Häuser nicht wieder aufbauen, weil ihnen das Geld fehle. Der Hafen in Beirut sei zudem die Lebensader des Landes. Da dort unter anderem Getreidesilos zerstört worden sei, müsste das Land jetzt mit Hunger und Engpässen bei Brot rechnen.

Auswärtiges Amt via Twitter

Die deutsche Botschaft richtete einen Krisenstab ein. Kanzlerin Angela Merkel erklärte, die Bundesregierung sei erschüttert. Man werde dem Libanon Hilfe anbieten. 

Diese Deutsche erlebte alles mit

Ein deutsches Opfer ist Sina-Maria Schweikle. Sie erlebte das Horrorszenario mit, wie sie in unserem Video berichtet.

Mindestens 100 Menschen werden noch vermisst

In der Stadt suchen Rettungshelfer in den Trümmern nach weiteren Opfern. Der Generalsekretär des Roten Kreuzes, George Kattanah, sagte, die Zahl der Opfer werde wahrscheinlich weiter steigen.  Aus Sicherheitskreisen hieß es, es würden noch mindestens 100 Menschen vermisst.

Die Ermittler suchen unterdessen weiter nach der Ursache für die gewaltige Detonation in der Hauptstadt des Landes am Mittelmeer. Möglicherweise wurde sie durch eine sehr große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die im Hafen gelagert worden war. Regierungschef Hassan Diab erklärte den Mittwoch zum Tag der landesweiten Trauer in Gedenken an die Opfer.

Ammoniumnitrat im Hafen Beiruts explodiert

05.08.2020, Libanon, Beirut: Blick über den Schauplatz nach einer massiven Explosion im Hafen. Foto: Hussein Malla/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Schwere Explosion in Beirut
© dpa, Hussein Malla, nwi

Die Explosionen hatten am Dienstag Beirut und das Umland erschüttert. Große Teile des Hafens wurden vollständig zerstört. Aufnahmen zeigten ein Bild der Verwüstung. Auch die angrenzenden Wohngebiete wurden stark beschädigt. Auf den Straßen standen zahlreiche zerstörte Autos.

Betroffen von der Explosion sind neben dem Hafen vor allem die beliebtesten Ausgehviertel, für die Beirut bekannt ist. Sogar in Orten rund 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt gingen Scheiben zu Bruch. Beirut, in dessen Großraum schätzungsweise bis zu 2,4 Millionen Menschen leben, wurde zur "Katastrophen-Stadt" erklärt.

Der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) im Libanon, Malte Gaier, sagte dem Deutschlandfunk, besonders beunruhigend seien "massive strukturelle Schäden". So sei das staatliche Elektrizitätswerk komplett zerstört. Verwundete seine aufgrund des Ansturms auf Kliniken oft abgewiesen worden. "Wir haben die ganze Nacht hinweg, und ich vermute auch, dass das jetzt noch der Fall ist, wirklich chaotische, teils dramatische Szenen hier gesehen." Er sprach von einem "Schockzustand" in der Stadt. "Das ist für uns vielleicht etwas vergleichbar mit dem Schockzustand, den wir am Morgen nach 9/11 in den USA hatten", sagte er.