Experteninterview: Wie gefährlich ist die Lage auf der koreanischen Halbinsel wirklich?

Korea-Experte Dr. Bernhard Seliger sieht die größte Gefahr darin, dass die Eskalationen unbeabsichtigt zum großen Konflikt führen.

22. September 2013 - 9:55 Uhr

Jüngste Drohung Nordkoreas "hat letztlich keine Auswirkungen"

Nordkorea dreht jeden Tag an der Eskalationsschraube. Das kommunistische Regime droht den USA mit einem Atomangriff. Den Südkoreanern verbietet Pjöngjang den Zutritt zur Sonderwirtschaftszone Kaesong, die letzte Verbindung ist damit gekappt. Doch wie gefährlich ist die Lage auf der koreanischen Halbinsel wirklich? RTLaktuell.de hat mit Dr. Bernhard Seliger von der Hanns-Seidel-Stiftung gesprochen. Seliger lebt und arbeitet seit Jahren in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Er sieht die größte Gefahr darin, dass die Eskalationen unbeabsichtigt zum großen Konflikt führen.

RTLaktuell.de: Herr Dr. Seliger, wie beurteilen Sie diese jüngste Drohung Nordkoreas?

Dr. Bernhard Seliger: Trotz der jüngsten Drohungen hat sich die Lage auf der koreanischen Halbinsel nicht grundlegend verändert. Auch die zeitweise Aussperrung von südkoreanischen Managern und Materiallieferungen an den Industriekomplex Kaesong (in dem fast 54.000 nordkoreanische Arbeiter mit knapp 1.000 südkoreanischen Managern in 123 südkoreanischen Firmen arbeiten) ist nicht so neu, es hatte sie bereits 2009 zu Manövern gegeben. Etwas anders wäre es, wenn dieser Boykott wirklich längere Zeit anhält. Länger als vier bis fünf Tage, weil dann die Produktion gestört würde und dies wiederum südkoreanische Gegenmaßnahmen provozieren könnte.

RTLaktuell.de: Was bedeutet es konkret, dass Nordkoreas Militär offiziell grünes Licht für einen Atomangriff gegen die USA hat?

Seliger: Es hat letztlich keine Auswirkungen. Bereits vorher war Nordkorea genauso viel oder wenig bereit für den Krieg. Es gibt keine ernsthafte weitergehende Mobilmachung Nordkoreas. Allerdings gibt es indirekte Auswirkungen: US-Präsident Barack Obama, der eigentlich eher die außenpolitische Präsenz der USA reduzieren wollte, muss sich das nun genau überlegen. Denn ein erfolgreiches Nordkorea, dessen Atomstatus quasi von den USA akzeptiert wird – wenn nicht explizit, dann implizit – wäre ein Vorbild für andere Staaten im mittleren Osten, etwas ähnliches zu machen.

"Jeder Krieg bedeutet das Ende Nordkoreas"

RTLaktuell.de: Welche von Nordkorea ausgehenden weiteren Eskalationsstufen sind noch denkbar?

Seliger: Nordkorea kann Kaesong tatsächlich schließen (wohl nicht permanent) und die dort noch vorhandenen Manager quasi als Geiseln nehmen. Es könnte auch weitere Raketen oder Einheiten im Land verlegen lassen, die die Kriegsbereitschaft signalisieren sollen, ohne den Feind tatsächlich zum Angriff zu reizen.

RTLaktuell.de: Ist die Gefahr eines neuen Korea-Krieges durch diese Drohung gewachsen?

Seliger: Die größte Gefahr ist weiterhin, dass die Eskalationen unbeabsichtigt zum großen Konflikt führen. Eine durchdachte nordkoreanische Kriegsdrohung kann es nicht geben, denn jeder Krieg auf der Halbinsel bedeutet das Ende Nordkoreas. Deshalb sind auch alle Äußerungen Nordkoreas, wenn sie auch sehr aggressiv klingen, so formuliert, dass sie nur auf die Konsequenzen eines südkoreanischen oder amerikanischen Angriffs hinweisen, nämlich die darauf folgende "fürchterliche Vergeltung".