Experten warnen vor digitaler Spaltung im Alter

Laut einer Sachverständigenkommission fühlen sich viele ältere Menschen bei der Digitalisierung abgehängt. Vor allem Senioren, die von der Grundsicherung leben, mangelt es oft an digitaler Ausstattung. Foto: Christin Klose/dpa-tmn/dpa
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12. August 2020 - 16:57 Uhr

Berlin (dpa) - Experten sehen in der älteren Bevölkerung in Deutschland eine starke "digitale Spaltung". "Der Zugang zu und die Nutzung von digitalen Angeboten sind innerhalb der Gruppe der älteren Menschen je nach Bildungsstand und Einkommen ungleich verteilt - deutlich ungleicher als zwischen jüngeren Menschen", heißt es im "Achten Altersbericht" für die Bundesregierung. Über ihn beriet nun das Bundeskabinett, anschließend wurde er in Berlin vorgestellt.

"ES GEHT NICHT NUR UM SKYPEN MIT DEN ENKELKINDERN"

Die Sachverständigenkommission aus Forschern mehrerer Fachrichtungen, die den Bericht erstellt hat, fordert die Bundesregierung auf, dem Thema Alter in ihrer Digitalstrategie "weit mehr Gewicht als bisher beizumessen".

In jeder Wahlperiode wird ein solcher Altersbericht einmal erstellt, jeweils mit einem bestimmten Schwerpunktthema. Diesmal war es die Digitalisierung. Laut Bundesfamilienministerium sind die Empfehlungen eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Seniorenpolitik der Regierung.

Man werde diese aufnehmen und umsetzen, sagte Familienministerin Franziska Giffey (SPD). "Es geht nicht nur um das Skypen mit den Enkelkindern oder Einkaufen übers Internet." Es gehe um echte Teilhabe oder Zugang zu Informationen für ältere Menschen.

INTERNET FÜR ALLE ÄLTEREN MENSCHEN

Die Sachverständigen sprechen sich konkret für einen Internetzugang für alle Wohnformen älterer Menschen aus, ob zu Hause oder im Pflegeheim. Zudem sollten Bund, Länder und Kommunen kostenfreies Internet im öffentlichen Raum bereitstellen und alte Menschen, die von Grundsicherung oder wenig Einkommen leben, sollten Internet und die Anschaffung digitaler Technik staatlich gefördert bekommen.

Der Leiter der Altersberichtskommission, Andreas Kruse, sprach von einem "Grundrecht" und von "digitaler Daseinsvorsorge". Es gehe darum, dass Menschen in höherem Lebensalter ein gutes Leben führen könnten. Die Corona-Krise habe gezeigt, wie bedeutsam eine gute digitale Ausstattung sei, etwa für soziale Kontakte oder Dienstleistungen.

"TANZTEE, SKAT UND KAFFEE" ODER "KAFFE, KUCHEN, TABLET"?

Nach Ansicht des Heidelberger Professors für Psychologie und Altersforschung ist das Alter, wie vielleicht von vielen befürchtet, auch keine automatische Hürde, wenn es darum geht, sich mit der Technik vertraut zu machen. Hier gelte, dass Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit des Gehirns auch in hohem Lebensalter so erhalten seien, dass Menschen dazu in der Lage seien, sagte Kruse.

Ältere Menschen und Internet widersprächen sich nicht, sagte Giffey. Sie regte an, dass auf kommunaler Ebene beispielsweise bei Bildungsangeboten oder Seniorentreffs das Thema Digitalisierung eine stärkere Rolle spielen sollte. Statt "Tanztee, Skat und Kaffee", könne es auch einmal darum gehen, wie ein Zug oder ein Bürgeramtstermin über das Internet gebucht werde. Als Beispiel nannte die SPD-Politikerin die Veranstaltung eines Pflegeheims, dass sie vor der Corona-Krise besucht habe, die regelmäßig unter dem Titel "Kaffee, Kuchen, Tablet" angeboten worden sei.

Das mit dem "Kaffee, Kuchen, Tablet" findet auch Ex-SPD-Chef Franz Müntefering eine "tolle Sache", wie er sagte. Der 80-Jährige ist seit 2015 Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen und nahm ebenfalls Stellung zum neuen Altersbericht. Ältere Menschen, die bisher nicht viel mit der Technik zu tun hatten, erreicht man bei dem Thema seiner Ansicht nach nicht "per Direktive von oben", sondern nur auf lokaler Ebene in kleinen Runden, wenn "einer den anderen davon überzeugt, dass das schön ist, wenn man das kann".

Beim richtigen Umgang mit Smartphones müssen nach Münteferings Ansicht aber alle Altersgruppen noch lernen. "Wenn ich mich an einen Tisch setze zum Essen und meine Kontrahenten, die mit da sitzen oder Freunde, die packen gleich das flache Ding aus und sind dann eine Stunde lang zu erreichen für die ganze Welt, ist mein Spaß vorbei." Eventuelle kritische Blicke von Opa und Oma zeigten da auch eine gewisse Sensibilität für das, was wichtig sei zwischen Menschen, sagte Müntefering.

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Quelle: DPA