Wenn die "Wunderwaffe" nicht mehr wirkt

Experten warnen: Antibiotikaresistenzen sind größte Gefahr neben Covid-19

Antibiotika gelten als Wunderwaffe im Kampf gegen Bakterien. Doch Ärzte erleben immer öfter, dass die Wunderwaffe nicht mehr wirkt.
Antibiotika gelten als Wunderwaffe im Kampf gegen Bakterien. Doch Ärzte erleben immer öfter, dass die Wunderwaffe nicht mehr wirkt.
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12. Mai 2021 - 13:49 Uhr

von Daniela Halm

Antibiotika werden zu oft verschrieben, die Zahl der Patienten mit schwer behandelbaren Infektionen steigt, jedes Jahr sterben weltweit 700.000 Menschen, Tendenz steigend. Doch eine Sache überlagert dieses Problem: die Covid-19-Pandemie. Denn während berechtigterweise alles getan wird, um die Corona-Pandemie zu stoppen, entwickelt sich schleichend seit Jahren eine andere Gefahr - die Gefahr der Antibiotikaresistenzen.

Rund um Antibiotika ranken sich viele Irrtümer und Mythen: Muss ich sie wirklich immer bis zum Ende durchnehmen? Und helfen sie wirklich, eine Erkältung schneller zu überstehen? Diese und weitere Fragen beantworten wir Ihnen hier.

Auch zunächst leichte Infektionen können tödlich verlaufen

Antibiotika gelten als Wunderwaffe im Kampf gegen Bakterien. Doch Ärzte erleben immer öfter, dass die Wunderwaffe nicht mehr wirkt. Selbst bisher leicht behandelbare Infektionen wie Harnwegsinfekte oder eine Lungenentzündung können für Patienten schwere gesundheitliche und sogar lebensgefährliche Folgen haben, wenn Erreger gegen Antibiotika resistent werden. "In Einzelfällen gibt es für diese Patienten überhaupt keine Behandlungsoptionen mehr oder nur noch Optionen, die mit inakzeptablen Nebenwirkungen verbunden sind", so Professorin Maria Vehreschild vom Universitätsklinikum Frankfurt im Gespräch mit RTL. Das könne in Einzelfällen so weit gehen, dass Ärzte entscheiden müssten, ob man etwa eine schwere Nierenschädigung des Patienten und sogar Dialyse in Kauf nehme oder ob man ihn gar nicht mehr behandle, was zum Tod führen kann.

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Weltweite Ausbreitung von Resistenzen

Die Ärztin und Wissenschaftlerin Maria Vehreschild ist besorgt. Sie leitet die Infektiologie am Uniklinikum in Frankfurt und erlebt täglich, welche gesundheitlichen Gefahren Antibiotikaresistenzen für Patienten bedeuten können. Und sie sieht durchaus Parallelen zum Coronavirus. "Antibiotikaresistenzen stellen aus meiner Sicht neben der Covid-19-Pandemie eine der größten Bedrohungen für unsere Gesundheit weltweit dar", so Vehreschild. "Und wie schwierig es sein kann, eine solche Ausbreitung einzudämmen, kann man jetzt gerade sehr gut an Covid-19 beobachten. Das ist zwar kein Bakterium, sondern ein Virus, welches eine sehr starke Dynamik hat, aber grundsätzlich illustriert es das Prinzip der globalen Ausbreitung von Infektionserregern."

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Covid-19-Pandemie verschlimmert Situation

Und die Schnelligkeit der Ausbreitung ist bedenklich. Die Zahl der resistenten bakteriellen Erreger von Infektionen nehme stetig zu, so die Ärztin, und das betreffe nicht nur einzelne Länder. Multiresistente Erreger breiten sich weltweit flächendeckend aus. Jedes Jahr sterben etwa 700.000 Menschen an einer bakteriellen Infektion, gegen die keine Antibiotika mehr helfen. In der Europäischen Union sind es etwa 33.000 Tote jährlich.

Und die Covid-19-Pandemie könnte die Entwicklung sogar verschlimmern. Viele Patienten, die wegen einer Coronavirus-Infektion im Krankenhaus liegen, werden vorsorglich mit Antibiotika behandelt, obwohl keine bakterielle Infektion vorliegt. Doch je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto eher verlieren sie die Wirkung, resistente Bakterien nehmen zu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief bereits zu einem vorsichtigeren Einsatz von Antibiotika bei Covid-Patienten auf. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus äußerte in einer Pressekonferenz im Juni die Sorge, dass durch den vermehrten Einsatz von Antibiotika Krankheiten und Todesfälle zunehmen würden, während der Pandemie und danach.

Es werden zu viele Antibiotika verschrieben

Die unsachgemäße Verschreibung von Antibiotika ist ein generelles Problem. Im Jahr 2019 entfielen 34 Millionen Verordnungen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auf Antibiotika, so die Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Jeder sechste Versicherte erhielt danach sogar mindestens einmal ein Reserveantibiotikum, das nur bei schweren bakteriellen Erkrankungen eingesetzt werden soll, denn Reserveantibiotika gelten als letzte Behandlungsmöglichkeit. Wenn sie nicht mehr wirken, wird es oft unmöglich, Infektionen noch zu behandeln.

Politik muss schnell handeln

Doch wie kann man das Problem der Antibiotikaresistenzen endlich in den Griff bekommen? Maria Vehreschild wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik und schaut dabei hoffnungsvoll auf das, was in der Corona Pandemie plötzlich möglich ist. "Ich möchte behaupten, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen eine solche Bündelung an Finanzkraft, menschlicher Leistung und Expertise in die Bekämpfung einer Infektionserkrankung geflossen ist", so die Ärztin. "Das Coronavirus verhält sich dynamisch, daher müssen wir schnell reagieren. Doch wenn man sich die reinen Zahlen anschaut, ist die Multiresistenzkrise ähnlich relevant für unsere Gesellschaft."

Der Unterschied sei, dass diese Krise sich schleichend angebahnt und etabliert habe. Daher sei die Reaktion darauf bisher vielleicht nicht ganz so durchgreifend ausgefallen. Doch das kann sich ändern. Maria Vehreschild möchte an die Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie anknüpfen, um auch das weltweite bakterielle Resistenzproblem zu lösen. Die derzeitige Pandemie zeigt, wie wichtig es ist, Infektionserkrankungen ernst zu nehmen und sich rechtzeitig um die Gefahr der Antibiotikaresistenzen zu kümmern.