Exklusives RTL-Interview mit Wolfgang Schäuble zu 25 Jahre Mauerfall: "Das unglaublichste und freudigste Ereignis, wa...

10. Dezember 2014 - 16:14 Uhr

RTL-Chefkorrespondent Lothar Keller trifft Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble, heute Bundesfinanzminister, war zur Zeit des Mauerfalls Innenminister unter Bundeskanzler Helmut Kohl. 1990 handelte der CDU-Politiker mit Vertretern der DDR den Einigungsvertrag aus, der die Grundlage für die Wiedervereinigung am 3.Oktober war. RTL-Chefkorrespondent Lothar Keller hat sich im exklusiven Interview mit ihm darüber unterhalten, wie es zum Zusammenbruch der DDR kam und welche Erinnerungen er an den 9.November 1989 hat.

Exklusives RTL-Interview mit Wolfgang Schäuble zu 25 Jahre Mauerfall.
Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (links) und DDR-Staatssekretär Günther Krause besiegeln am 31. August 1990 im Palais Unter den Linden in Berlin den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990.
© picture-alliance/ dpa, Wolfgang Kumm

An jenem Tag saß Wolfgang Schäuble in einer Besprechung, in der es um die vielen Menschen aus der DDR ging, die über Ungarn und die Tschechoslowakei nach Westdeutschland ausreisten. Der Regierungssprecher kam mit einer Meldung: Am Abend werde möglicherweise die Mauer geöffnet. Schäuble konnte es nicht glauben – und unterstellte dem Regierungssprecher im Scherz, dieser habe wohl zu viel getrunken.

"Die Entwicklung hat uns natürlich nicht völlig überrascht", erinnert sich Schäuble. Spätestens, seit die Ungarn entschieden hatten, Flüchtlinge aus der DDR in den Westen ziehen zu lassen, sei klar gewesen, dass sich etwas bewegt im Ostblock. "Aber als die Meldung kam und uns klar war, es stimmt, die Mauer wird geöffnet, da hat jeder gespürt: Das ist ein neues Kapitel in der Weltgeschichte. Das wird in den Geschichtsbüchern lange stehen (…) Das war im politischen Leben dieser Zeit das unglaublichste und freudigste Ereignis, was es überhaupt gibt."

"Geschichte vollzieht sich nicht wie auf einem Reißbrett"

Es war auch ein Moment der Erleichterung. Denn in den zurückliegenden Monaten war auch die Bundesregierung nie sicher, ob die Veränderungen jenseits des Eisernen Vorhangs friedlich verlaufen würden. "Geht's schief?" – diese Sorge hatte Schäuble genauso wie viele andere Westdeutsche angesichts der Bilder von zehntausenden DDR-Bürgern, die in Leipzig und vielen anderen Städten auf die Straße gingen. "Deswegen die große Leistung der Demonstranten mit der Kerze. Wenn man eine Kerze hat, kann man nicht Steine werfen, man kann nicht gewalttätig sein, und deswegen hat ja später auch einer von der Stasi gesagt: 'Wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen'." Die Revolution blieb friedlich, an Mauer und innerdeutscher Grenze fiel kein Schuss.

Nachdem die sowjetische Führung unter Gorbatschow der DDR die Unterstützung aufgekündigt hatte, war das SED-Regime seit dem Frühjahr '89 unter dem Druck der unzufriedenen Bürger immer weiter in sich zusammengebrochen. Den letzten Stoß aber versetzte der Sozialistischen Einheitspartei ausgerechnet einer der eigenen Leute – Günter Schabowski, Mitglied des Zentralkomitees. Am Abend des 9.November verkündete er die neuen Ausreiseregelungen. Die sollten eigentlich am nächsten Morgen eine geordnete Ausreise ermöglichen. Doch Schabowskis Worte – "Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich" - lösten innerhalb von wenigen Stunden einen Ansturm der Ostberliner auf die Grenzübergänge aus, dem die Grenztruppen nicht mehr gewachsen waren. Schäubles Urteil über Schabowskis Rolle fällt nüchtern aus: "So ist es in der Geschichte. Am Schluss sind es noch irgendwelche Irrtümer oder Dummheiten. Ich meine, das war nicht entscheidend."

Die Mauer war offen, doch die Gefahr einer gewalttätigen, unkontrollierbaren Entwicklung noch nicht gebannt. Am nächsten Tag, dem 10. November, hielt Helmut Kohl eine Rede in Berlin, als sein Berater Horst Teltschik den Bundeskanzler bat, ans Telefon zu kommen, wie sich Schäuble erinnert: "Gorbatschow will Sie dringend sprechen, es gäbe Meldungen, dass es zu Übergriffen auf die sowjetischen Garnisonen käme. Daraufhin habe Kohl zu Teltschik gesagt: 'Ich kann jetzt nicht telefonieren, aber sagen Sie, ich gebe Gorbatschow mein Wort, es kommt zu keinem Übergriff auf die sowjetischen Garnisonen'."

"Keine Gewalt!" blieb das Motto der demonstrierenden DDR-Bürger, und die sowjetischen Truppen blieben in ihren Kasernen. Wie es aber weitergehen würde in den folgenden Monaten, wusste niemand genau: Mit einer reformierten, demokratischen DDR? Oder einer Vereinigung der beiden Staaten? "Der Bundeskanzler hat einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt für eine Konföderation innerhalb von zehn Jahren", so Schäuble, "Ich hab ihm gesagt: 'Ich glaube, das geht viel schneller!' – dann hat er gesagt: 'Das kann schon sein, aber ich darf nicht derjenige sein, der drängt. Wenn die Menschen in der DDR darauf drängen, ist das was anderes'." Und so machte sich Schäuble ab Weihnachten daran, die Einheit vorzubereiten: "Denn wenn's so kommt und ich sag' dann: Das ist jetzt aber was ganz Neues, da müssen wir erst Mal sechs Monate prüfen - dann wäre das nicht gegangen."

Weniger als ein Jahr später, am 3.Oktober 1990, wurde Deutschland vereinigt, auf der Grundlage des Einigungsvertrages, den Schäuble ausgehandelt hatte. Für viele Ostdeutsche folgte dem Jubel über die Maueröffnung aber die Ernüchterung angesichts von Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Umbrüchen, in denen das Gewohnte verlorenging und das Neue nicht für jeden einen Platz bereithielt.

Angesichts der historisch einmaligen Aufgabe aber, innerhalb kürzester Zeit zwei Staaten mit gegensätzlichen Gesellschaftssystemen und ganz unterschiedlicher Wirtschaftskraft zu vereinen, fällt Schäubles Bilanz dennoch positiv aus: "Geschichte vollzieht sich nicht wie auf einem Reißbrett. Das sind Menschen, da passieren immer überraschende Dinge. Deswegen später zu sagen: Wenn wir das alles gewusst hätten, hätten wir's so oder so gemacht – das wäre so, als würden Sie Ihre Kindheit noch einmal neu organisieren, das macht überhaupt keinen Sinn. Nein, wir haben die Chance genutzt!"