Existenzangst in Bochum zermürbt Opelaner: "Und jetzt das!"

13. Juni 2012 - 19:48 Uhr

"Ich habe Angst um meinen Job"

Opel steht für Qualität. "Die Qualität aus Bochum ist spitze", sagt Opelsprecher Andreas Kroemer gegenüber 'wdr.de'. Opel steht aber auch für die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Nur mit Mühe gelang es, die deutschen Standorte zu retten. Die erste Zeche für die Insolvenz von General Motors (GM) zahlten die Belgier mit der Schließung des Werkes in Antwerpen und die Schweden, als GM Saab abstieß. Die deutschen Werke erhielten eine Standortgarantie bis Ende 2014, Opelmitarbeiter verzichteten im Gegenzug auf Lohnerhöhungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Alles schien gut – bis 2012.

Existenzangst in Bochum zermürbt Arbeiter bei Opel.
Mitarbeiter auf dem Weg zur Schicht bei Opel in Bochum. Wie lange noch?
© dpa, Caroline Seidel

Über zwei Jahre vor dem Auslaufen der Standortgarantie zittern die Opelaner erneut um ihre Arbeitsplätze. Die Illusion, dass das Werk über die GM-Garantie hinaus Bestand hat, hat kaum ein Mitarbeiter. "Ich gehe davon aus, dass das Werk 2015 geschlossen wird", sagt ein Lackierer. "Wir verzichten auf alles und GM hält die Verträge nicht ein", schimpft ein 33-Jähriger, der seit 14 Jahren bei Opel ist. Die Möglichkeit, dass GM seine Standortgarantie nicht einhält ist in Bochum real.

"Ich habe Angst um meinen Job", sagt ein 48-jähriger Opelaner vor dem Bochumer Werk. Seit 25 Jahren sei er dabei und nun stehe das Werk wieder auf der Kippe. "Wir haben zehn Jahre auf jegliche Lohnerhöhungen verzichtet und jetzt das", so das ernüchternde Fazit eines langjährigen Arbeiters.

Und so steht Opel 2012 für den Einzug der EU-Schuldenkrise nach Deutschland. Der Grund für das defizitäre Opelgeschäft von GM ist der sinkende Absatz in Griechenland, Spanien, Portugal und Großbritannien, wo Opel unter dem Namen 'Vauxhall' traditionell die Nummer eins war, so Sprecher Kroemer laut WDR. Nun wird befürchtet, dass die deutschen Standorte bluten müssen.

GM investiert – in Frankreich.

Nach der überwundenen Insolvenz steht die Opel-Mutter GM selbst ziemlich gut da. Der Konzern verdiente 2011 rund 7,6 Milliarden Dollar, nur in Europa machte GM operativ 747 Millionen Dollar (573 Mio Euro) Verlust. Auf dem will GM nicht sitzen bleiben. Laut einem 'Spiegel'-Bericht will der Konzern seine Kapazitäten in 'Niedrig-Kosten-Ländern' erhöhen, um profitabler zu werden. Polen, Russland, China, Indien, Mexiko und Brasilien, werden in einem GM-Strategiepapier genannt.

Und auch aus Frankreich kommen Nachrichten, die sich für die Opelarbeiter wie in Stich ins Herz anfühlen müssen: Der französische Autobauer PSA Peugeot Citroën hat seine Kapitalerhöhung erfolgreich durchgezogen, und zwar weil GM dort einsteigt und zukünftig der zweitgrößte Aktionär sein wird. Als es GM schlecht ging, musste Opel bluten, damit es GM wieder besser geht; jetzt wo es GM gut geht, muss Opel bluten, damit es GM noch besser geht - so muss es den Menschen in Bochum vorkommen.

Sehr viel spricht also gegen Opel in Bochum, wenn sich heute der Opel-Aufsichtsrat trifft. Zu den Maßnahmen, die im Aufsichtsrat diskutiert werden, gehören neben neuerlichen Einbußen der Arbeitnehmer und einer weiterem Flexibilisierung der Arbeitszeiten nach früheren Angaben aus Arbeitnehmerkreisen auch Werksschließungen. Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug kündigte an, sich im Anschluss an die Beratungen gemeinsam mit dem Unternehmen zu äußern. Dies lässt darauf schließen, dass beide Seiten darauf bedacht sind, die Konfrontation im Aufsichtsrat nicht nach außen dringen zulassen.

Die Beschäftigten sind der Sorgen um ihre Arbeitsplätze langsam überdrüssig, von Aufgabe kann aber keine Rede sein. Der Betriebsrat mobilisiert zum Widerstand. Auf einer Betriebsversammlung am Samstag wollen die Arbeiter mit Hilfe von Landesarbeitsminister Guntram Schneider (SPD) ihre Forderung untermauern, dass das Automobilwerk mit mehr als 3.000 Mitarbeitern erhalten bleibt. Die Arbeitnehmervertreter kündigen massiven Widerstand an, falls Opel und GM die Arbeitsplätze nicht wie vertraglich verabredet erhalten.

"Sie merken bei den Leuten die Unsicherheit", sagt ein Zulieferer, als er aus dem Werk kommt. "Es macht sich eine gewisse Lethargie breit. Früher waren die stolz, heute ist das anders."