Ex-Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo: Versteckte Kritik an neuer Führung

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20. Oktober 2016 - 18:35 Uhr

"In der Formel 1 brauchst du die Demut, zu wissen, dass man nicht von heute auf morgen zum Sieger wird. Man sollte keine Siege ankündigen, wenn man nicht die Gewissheit hat, dazu in der Lage zu sein." Im Exklusiv-Interview mit RTL fand der ehemalige Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo deutliche Worte. Auch wenn der 69-Jährige vor dem Gespräch betont hatte, sich nicht explizit zur aktuellen Situation von Ferrari äußern zu wollen, der Adressat dieser versteckten Kritik ist eindeutig: Sergio Marchionne, di Montezemolos Nachfolger in Maranello.

FILE - German Formula One driver Michael Schumacher (C) stands amidst managing director of Ferrari Jean Todt (L) and team's president Luca Cordero di Montezemolo in Monza on Sunday 29 October 2006 during the Ferrari Days, the traditional event organi
Zehn Jahre ein erfolgreiches Team: Luca di Montezemolo (r.), Michael Schumacher und Jean Todt
© dpa, Fabrizio Radaelli

Marchionne fordert ungeduldig Siege und endlich wieder den ersehnten WM-Titel. Doch Ferrari fuhr in dieser Saison mit Sebastian Vettel seinen Ansprüchen von Anfang an hinterher. Mitten in der Saison baute der Ferrari-Boss das Team um, ersetzte Technikchef James Allison durch Mattia Binotto. Bislang ohne erkennbaren Erfolg.

Für di Montezemolo, der mit Ferrari als Sportdirektor in den 1970er Jahren und als Präsident von 1991 bis 2014 insgesamt 19 WM-Titel gewann, der falsche Weg. "Man muss Geduld haben, man muss den Leuten helfen, es wieder besser zu machen. Und man muss Vertrauen haben in die Mitarbeiter, von denen man überzeugt ist, und für sie die besten Bedingungen schaffen, damit sie alles geben können", sagte der Italiener - ohne direkten Bezug auf die Umstrukturierungen bei Ferrari in dieser Saison zu nehmen.

Lobende Worte fand di Montezemolo dagegen für Vettel, den er selbst noch für die Scuderia verpflichtet hat. "Bei Vettel sah man vom ersten Gespräch an, dass er Ferrari im Herzen trug", so di Montezemolo. "Heute ist es wichtig für die Scuderia, solch einen Piloten zu haben, der so positiv ist auch in den schwierigen Momenten."

Lob für Mercedes und Selbstkritik

Indirekt gestand der Manager jedoch auch ein, mitverantwortlich für die aktuelle Misere bei Ferrari zu sein. Während Mercedes einen "außergewöhnlichen Job" gemacht hätte, hätten einige "die Komplexität der völlig neuen Power-Unit unterschätzt, wie zum Beispiel Ferrari", gab di Montezemolo zu, der zu dieser Zeit als Präsident die Verantwortung in Maranello trug. "Mercedes hat sich am frühesten damit beschäftigt und vorbildliche Arbeit geleistet", lobte di Montezemolo.

Gleichzeitig stellte er heraus, dass er gemeinsam mit dem damaligen Teamchef Stefano Domenicali Ferrari im Jahr 2014 bereits wieder auf einen richtigen Weg geführt habe. Dies würden die drei Siege von Vettel im vergangenen Jahr zeigen. "Ich denke, im vergangenen Jahr ist es bei der Scuderia einigermaßen gut gelaufen - mit einem Auto, das von uns 2014 entworfen wurde für das Jahr 2015", betonte er.

"Vor allem brauchen wir einfachere Regeln"

Konkrete Verbesserungsvorschläge machte di Montezemolo für die Formel 1 insgesamt. "Das Verhältnis zum Publikum muss wieder mehr intensiviert werden. Die Piloten müssen sich wieder mehr den Fans, vor allen der Jugend, annähern", forderte der Manager und aktuelle Präsident der Fluggesellschaft Alitalia. "Vor allem brauchen wir einfachere Regeln, die das Publikum leichter versteht." Di Montezemolo kritisierte zudem, dass die Regeln in den vergangenen Jahren zu häufig geändert wurden.

"Die Formel 1 muss wieder mehr ein Mix aus neuster Technologie, Wagemut und großem Spektakel werden. Dafür brauchen wir auch Autos, in denen der Pilot den Unterschied ausmacht und nicht die Technik", forderte di Montezemolo, der seine Begeisterung für Ferrari und die Königsklasse des Motorsports nicht verloren hat. "Ich ändere meine Meinung nicht: Die Formel 1 ist und bleibt ein einzigartiger Wettkampf", schwärmte der 69-Jährige und sprach der Scuderia eine Liebeserklärung aus: "Gemeinsam mit meiner Familie ist Ferrari das wichtigste in meinem Leben."