Europa jagt Lkw-Attentäter von Berlin: Amri offenbar nach Anschlag in Moabit aufgetaucht

23. Dezember 2016 - 11:51 Uhr

Amri soll auch vor dem Anschlag schon in Moabit gewesen sein

Der mutmaßliche Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt ist offenbar nach dem Anschlag in Berlin Moabit gewesen. Darauf deuten Überwachsungsbilder hin, die der 'rbb' veröffentlicht hat. 

Amris Fingerabdrücke in Lkw gefunden

Dem Bericht zufolge wurde Amri wenige Stunden nach dem Anschlag in Berlin Moabit vor einer Moschee gesichtet. Dies sollen Bilder von Sicherheitskräften zeigen. Die Moschee sei am Morgen nach der Tat von der Polizei durchsucht worden. Auch in den Nächten vom 14. und 15. Dezember soll der 24-jährige Tunesier dort gefilmt worden sein.

Anis Amri soll schon in Italien und Tunesien zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt worden sein. Auch in Deutschland wurde gegen ihn ermittelt, er hätte abgeschoben werden sollen. Nach 'Spiegel'-Informationen soll sich Amri als Selbstmordattentäter angeboten haben. Die Bundesanwaltschaft hat unterdessen Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Anis Amri sei "dringend tatverdächtig", schreiben Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt in ihrem öffentlichen Aufruf. Bundesinnenminister de Maizière (CDU) hat bestätigt, dass Fingerabdrücke von Amri in dem Lkw gefunden worden sind. "Wir können Ihnen heute mitteilen, dass es zusätzliche Hinweise gibt, dass dieser Tatverdächtige mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich der Täter ist", sagte de Maizière.

Gegen den Mann wurde bereits früher in Berlin wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt - allerdings ohne Ergebnis. Medienberichten zufolge hat der Verdächtige ein langes Vorstrafenregister: Er soll bereits in Italien und Tunesien zu langen Haftstrafen verurteilt worden sei.

Wie die 'New York Times' unter Berufung auf Aussagen nicht näher genannter amerikanischer Offizieller berichtet, soll sich Amri im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert und direkten Kontakt zum IS gehabt haben. Unklar blieb zunächst, auf welchen Zeitraum sich diese Angaben beziehen. Dem Bericht zufolge stand Amri mindestens einmal über den Messengerdienst 'Telegram' in Kontakt zum IS. Sein Name habe zudem auf der Flugverbots-Liste der USA gestanden.

Die italienische Tageszeitung 'La Stampa' berichtet, Amri sei schon während seiner kurzen Zeit an einer Schule auf Sizilien gewalttätig gewesen. Der junge Mann habe dort Eigentumsdelikte, Drohungen und Körperverletzung begangen. Zudem soll er versucht haben, die Schule anzuzünden.

Die Bundesanwaltschaft rief die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Suche auf und setzte 100.000 Euro Belohnung aus - das Schreiben dazu wurde auch auf Arabisch, Dari, Farsi und Urdu veröffentlicht. Zugleich mahnte sie zur Vorsicht: "Bringen Sie sich selbst nicht in Gefahr, denn die Person könnte gewalttätig und bewaffnet sein!"

Unterdessen erhöhen die Ermittler den Fahndungsdruck: So gab es in Nordrhein-Westfalen Polizeieinsätze. Dabei wurden in Dortmund nach WDR-Informationen mehrere Personen - offensichtlich aus der Islamistenszene - mitgenommen, um befragt zu werden. Festnahmen im direkten Zusammenhang mit dem Berliner Anschlag gab es nach Angaben der Bundesanwaltschaft jedoch nicht. Auch durchsuchten Beamte eine Flüchtlingsunterkunft in Emmerich im Kreis Kleve (NRW), wo Amri laut 'Spiegel online' offiziell gemeldet war.

Auch europaweit wird nach ihm gefahndet. Seine Duldungspapiere wurden in dem Lastwagen gefunden, der am Montagabend auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren war. Zwölf Menschen wurden getötet, rund 50 teils lebensbedrohlich verletzt. Ein zunächst festgenommener Pakistaner kam wieder frei.

Amri plante Einbruch, um Geld für automatische Waffen zu beschaffen

Gemeldet war der gesuchte Tunesier in einer Asylbewerberunterkunft in Nordrhein-Westfalen, laut 'Spiegel Online' in Emmerich bei Kleve. Nach Angaben der NRW-Landesregierung war er 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist und verwendete mehrere Identitäten. Seit Februar hielt er sich demnach vor allem in Berlin auf.

Dort wurde Amri nach Hinweisen von Bundesbehörden von März bis September dieses Jahres überwacht, wie die Generalstaatsanwaltschaft mitteilte. Es habe Informationen gegeben, wonach der in Nordrhein-Westfalen als islamistischer Gefährder geführte Verdächtige einen Einbruch plane, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen - "möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen", hieß es.

Die Observierung und Überwachung der Kommunikation sei sogar verlängert worden, habe aber keine Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt erbracht, erklärte die oberste Berliner Ermittlungsbehörde. Es habe lediglich Hinweise gegeben, dass Amri als Drogendealer tätig und an einer körperlichen Auseinandersetzung, vermutlich in der Dealerszene, beteiligt gewesen sein könnte. Deshalb sei die Überwachung im September beendet worden. 

Er soll Kontakte zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Predigers Abu Walaa, den Jäger früher einmal als "Chefideologen" der Salafisten in Deutschland eingestuft hatte. Allerdings gibt es laut Ermittlern keine Hinweise auf eine enge Verbindung zwischen Walaa und dem Verdächtigen.

Familie hatte nur unregelmäßig Kontakt zu Amri

Arbeiter befestigen am 20.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin den Sattelschlepper an einem Abschleppwagen. Bei dem möglichen Anschlag mit einem Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am Montagabend (19.12.
Möglicher Anschlag mit Lastwagen auf Weihnachtsmarkt
© dpa, Bernd von Jutrczenka, bvj fpt

Amri wurde bereits im Juni als Asylbewerber abgelehnt, wie Jäger erklärte. "Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte." Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele. Die für die Abschiebung wichtigen tunesischen Ersatzpapiere seien erst an diesem Mittwoch bei den deutschen Behörden eingetroffen, sagte der Minister - zwei Tage nach dem Anschlag also.

In Tunesien verhörten Ermittler nach einem Bericht der Zeitung 'Al-Chourouk' die Familie des möglichen Attentäters in der nordöstlichen Provinz Kairouan, einer Salafisten-Hochburg. Die Familie habe ausgesagt, dass sie keinen steten Kontakt mit Amri hatte, seitdem er das Haus Ende 2010 verlassen habe. Sein Vater sagte dem tunesischen Sender Mosaique FM, Anis Amri habe Tunesien vor rund sieben Jahren verlassen.

Amri in Italien wegen Gewalttaten, Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahls verurteilt

2011 kam er als Flüchtling nach Italien, wie die dortige Nachrichtenagentur Ansa berichtete, und wurde in einem Auffanglager auf Sizilien untergebracht. Weil er Sachbeschädigungen und "diverse Straftaten" beging, kam er demnach in Palermo vier Jahre ins Gefängnis. Nach Informationen der 'Welt' wurde er wegen Gewalttaten, Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahls verurteilt. Im Frühjahr 2015 wurde Amri laut Ansa entlassen. Er sei dann nach Deutschland weitergereist.

Unklar ist auch, ob die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wirklich hinter dem Anschlag steht. Sie hat den Angriff für sich reklamiert und sich schon in der Vergangenheit immer wieder über ihr Sprachrohr Amak zu Anschlägen in unterschiedlichen Ländern bekannt. Täterwissen gab der IS - wie in früheren Fällen - nicht bekannt.​