Europa hilft Zypern - aber wer hilft den Menschen?

Bank-Mitarbeiter sind schon zu Tausenden auf die Straße gegangen. Doch sie sind nicht die einzigen, die um ihre Jobs bangen.
Bank-Mitarbeiter sind schon zu Tausenden auf die Straße gegangen. Doch sie sind nicht die einzigen, die um ihre Jobs bangen.
© dpa, Katia Christodoulou

10. Februar 2016 - 21:57 Uhr

"Die haben uns die Lebensgrundlage weggenommen"

Vor dem Bankrott dürfte Zypern vorerst gerettet sein. Doch die Menschen ahnen, dass nun eine Sparwelle auf sie zurollt. Viele bangen um ihren Arbeitsplatz. Andere weinen über den Verlust der Ersparnisse eines ganzen Lebens. Europa hilft Zypern - aber wer hilft den Menschen?

Das zyprische Fernsehen sendet immer wieder die Aussage von Finanzminister Michalis Sarris, ein für die Insel katastrophaler Austritt aus dem Euroland sei vermieden worden. "Jetzt versprechen sie (die Euro-Finanzminister) uns zu helfen", gibt sich der Politiker zuversichtlich.

Dass es wirklich so kommen wird, glaubt in seinem Land längst nicht jeder. In die Erleichterung über den abgewendeten Staatsbankrott mischen sich in Zypern bei vielen Menschen Angst und Verzweiflung. Die Hotel-Angestellte Evangelia hat Angst um ihren Arbeitsplatz. "Die Negativ-Schlagzeilen könnten auch die Touristen vertreiben", fürchtet sie.

"Hilfe? Ich sehe es kommen, wir werden bald wie die Griechen und die Spanier 30 Prozent Arbeitslosigkeit haben", sagt der Filialleiter einer Bank im Zentrum der Hauptstadt Nikosia, bevor er sich abwendet, um den Geldautomaten wieder zu füttern.

Seit eineinhalb Wochen sind die Banken inzwischen geschlossen – Bargeld gibt es nur am Automaten. Am Dienstag öffnen sie wieder. Die Regierung will eine Reihe von Einschränkungen für den Kapitalverkehr bekanntgeben. Darunter soll ein monatlicher Höchstbetrag sein, den jeder Sparer abheben kann.

Giannis Sophokleous ist verzweifelt. Der Hotelier gehört zu den Zyprern, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und nun um ihre Ersparnisse fürchten müssen. "Wie soll ich mein Hotel reparieren, wenn zwangsweise das Geld halbiert wird, das ich auf der Bank habe", fragt er "Es ist eine Katastrophe. Die haben uns die Lebensgrundlage weggenommen."

Haben die Oligarchen ihr Geld längst abgezogen?

Das Medienecho ist gespalten. "Katastrophale Erpressung durch die Troika (EU-EZB-IWF)", lautet der Tenor in der kommunistischen Zeitung 'Charavgi'. Die Kommunisten sind die zweitstärkste Kraft im Parlament.

"Thriller (in Brüssel) mit massiver Erpressung", titelt die größte Zeitung Zyperns, 'Fileleftheros'. Wie hoch die Zwangsabgabe bei der größten Bank Zyperns, der Bank of Cyprus, genau sein wird, ist noch unklar. 'Fileleftheros' berichtet, es würden wahrscheinlich 30 Prozent sein.

"30 Prozent? Dafür habe ich 20 Jahre lang gearbeitet und ich bin kein Russe, kein Oligarch und habe nur ein kleines Schuhgeschäft", schluchzt der Inhaber eines Ladens an der zentralen Ledras-Einkaufsstraße von Nikosia. Sein Geschäft hat geöffnet, obwohl Nationalfeiertag ist - zum Gedenken an den Aufstand für die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich 1821. "Ich hoffe auf den einen oder anderen Kunden", sagt der Schuhhändler.

Die konservative Presse reagiert zurückhaltend. "Zwangsweises Abkommen", titelt das Blatt 'Simerini'. Präsident Nikos Anastasiades habe keine andere Wahl gehabt. Die Alternative habe geheißen: Sturz in den Abgrund.

Viele Zyprer, aber auch Ausländer bekommen in diesen Tagen E-Mails von ihnen unbekannten Unternehmen, die versprechen, "binnen einer Stunde" ein Konto in einem anderen großen und sicheren Euroland für sie zu eröffnen. Viele Insulaner fragen sich auch, ob die Oligarchen aus Russland und der Ukraine überhaupt von der Brüsseler Einigung betroffen sein werden – oder ob sie ihr Geld nicht schon längst aus Zypern herausgeschafft haben.