Liefermengen drastisch eingedampft

EU sauer: AstraZeneca kann Corona-Impfstoff nicht liefern

Engpässe in der Produktion: AstraZeneca mit Problemen bei Lieferung an EU.
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25. Januar 2021 - 12:43 Uhr

60 Prozent weniger Impf-Dosen

Die europäische Arzneimittel-Behörde, kurz EMA, plant bis zum Ende der Woche die Zulassung des Corona-Vakzins des britischen Herstellers AstraZeneca. Doch ob die von der EU bestellten Impf-Dosen dann schnell geliefert werden können, ist derzeit mehr als unklar. Denn der britische Hersteller teilte der EU nun mit, dass es massive Probleme bei der Herstellung gibt und die EU erst einmal nicht mit der bestellten Impfstoff-Menge rechnen könne. Auch in Deutschland könnte das zu massiven Impfstoff-Engpässen führen.

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Liefermengen deutlich eingekürzt

Die Impf-Kampagne der EU droht allmählich zu einem echten Fiasko zu werden. Erst kürzlich teilte Impfstoff-Produzent Biontech der EU mit, dass er die bestellten Impf-Dosen nicht rechtzeitig ausliefern könne. Nun verkündet auch der britische Hersteller AstraZeneca, dass es massive Produktions-Probleme beim Corona-Impfstoff gebe. Eigentlich plante die EU, den britischen Impfstoff bis Ende des Monats zuzulassen und die 80 Millionen bestellten Impfdosen für das erste Quartal zügig in den 27 EU-Ländern zu spritzen. Doch zumindest aus der Auslieferung der 80 Millionen Dosen wird wohl erst einmal nichts.

Virus-Mutation schuld an Liefer-Problemen?

Wie ein EU-Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters sagte, werde AstraZeneca im schlimmsten Falle bis zu 50 Millionen Impfdosen weniger liefern können. Von den bestellten 80 Millionen blieben dann nur noch rund 30 Millionen Impf-Dosen für das erste Quartal übrig. Die verringerte Liefermenge sei einem Bericht der "Bild-Zeitung" zufolge auf Probleme bei einem Zulieferer und auf einen Brand in einer Produktionsstätte in Indien zurückzuführen. AstraZeneca selbst gab bisher nur an, dass es Probleme bei einem belgischen Zulieferer gebe, weswegen es zu den Verzögerungen käme.

Experten vermuten aber auch, dass auch die Mutationen des Corona-Virus zu den Problemen in der Produktion geführt haben könnten. Denn AstraZeneca könnte überprüfen, ob sein Impfstoff auch vor den mutierten Virus-Varianten schützt und die Wirkstoffe gegebenenfalls anpassen. Eine Auslieferung des Vakzins würde sich in diesem Falle auch verzögern.

EU sauer auf Impfstoff-Hersteller

Derweil wächst der Frust bei der europäischen Union über den schleppenden Fortgang der Impf-Kampagne. Denn auch bei anderen Produzenten kommt es zu Liefer-Engpässen. Deswegen steht die EU mächtig unter Druck und Kritik an der europäischen Impf-Strategie wird immer lauter. In Brüssel scheint man langsam nervös zu werden und erhöht derweil den Druck auf die Hersteller: "Wir erwarten, dass die von den Pharmaunternehmen bestätigten Verträge eingehalten werden", sagte EU-Ratspräsident Charles Michel dem französischen Sender Europe 1 und drohte bei Nicht-Einhaltung sogar damit, "juristische Mittel" nutzen zu wollen.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hatte zuvor mitgeteilt, es gebe in der Kommission und in Mitgliedstaaten große Unzufriedenheit über die von AstraZeneca angekündigte Lieferverzögerung im ersten Quartal. Man habe bei der Sitzung des Lenkungsausschusses am Freitag darauf bestanden, dass es einen genauen Lieferplan gebe, auf dessen Grundlage die Mitgliedstaaten ihre Impfprogramme planen könnten.

Italien will AstraZeneca verklagen

Italien will indes noch ein Stück weiter gehen und erwägt eine Klage gegen AstraZeneca. "Wenn sich die Reduzierung der im ersten Quartal zu verteilenden Dosen um 60 Prozent bestätigt, würde das bedeuten, dass in Italien 3,4 Millionen Dosen statt 8 Millionen geliefert würden", schrieb Regierungspräsident Giuseppe Conte. "Diese Verlangsamungen der Lieferungen stellen schwere Vertragsverletzungen dar, die in Italien und anderen europäischen Ländern enorme Schäden verursachen", so Conte. Deswegen erwäge man, wie auch schon bei Biontech und Pfizer, Klage gegen AstraZeneca einzureichen.

Kritik an deutscher Impf-Strategie

Zu wenig Impfstoff: Jens Spahn steht in der Kritik.
Gesundheitsminister Jens Span (CDU) steht seit Wochen wegen der Impfstoff-Beschaffung in der Kritik.
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Schon seit Wochen stehen die Bundesregierung und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der Kritik. Statt auf eine europäische Lösung zu setzen, hätte Deutschland auf eigene Faust Impfstoff beschaffen sollen, mahnen Kritiker. "Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen", sagte etwa die Neurologin Frauke Zipp, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, im Dezember. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU)schimpfte unlängst über die Strategie von Jens Spahn: "Offenkundig war das europäische Ankaufverfahren unzureichend. Es ist schwer zu erklären, dass ein sehr guter Impfstoff in Deutschland entwickelt, aber woanders schneller verimpft wird", sagte er vor wenigen Wochen und forderte sogar eine Impf-Pflicht.

Trotz der Engpässe bei AstraZeneca zeigte sich Gesundheitsminister Spahn am Wochenende zuversichtlich. Zwar habe man mehr erwartet, doch er rechne trotzdem "im Februar mit mindestens drei Millionen Impfdosen" des britischen Herstellers, sagte er der Bild am Sonntag. Das reicht für die Impfung von 1,5 Millionen Menschen.

Wann kann ich mit impfen lassen? Welche Vakzine sind schon auf dem Markt? Wie sieht die deutsche Impf-Strategie aus? Alles rund um die Corona-Impfung haben wir hier für Sie zusammengefasst.