Eskalation in Istanbul: Gewalt nimmt kein Ende

4. August 2013 - 19:52 Uhr

Erdogan wettert gegen internationale Medien

Die türkische Polizei und Demonstranten haben sich in Istanbul erneut Straßenkämpfe geliefert. In mehreren Vierteln gab es heftige Zusammenstöße der Demonstranten mit der Polizei. In der zum Taksim-Platz führenden Istiklal-Straße versuchte die Polizei stundenlang, tausende Demonstranten mit Wasserwerfern und Tränengas zu vertreiben.

Während die Polizei in den Straßen Istanbuls hart gegen die Demonstranten vorgeht, lässt sich Regierungschef Erdogan auf dem Taksim-Platz von seinen Anhägern feiern.
Während die Polizei in den Straßen Istanbuls hart gegen die Demonstranten vorgeht, lässt sich Regierungschef Erdogan auf dem Taksim-Platz von seinen Anhängern feiern.
© dpa, Tolga Bozoglu

Zehntausende Menschen hatten sich zu den neuen Demonstrationen gegen den islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan versammelt. Nach einem Aufruf der Protestbewegung versuchten die Demonstranten aus umliegenden Stadtvierteln in Richtung des von der Polizei abgeriegelten Taksim-Platzes zu gelangen, berichteten Augenzeugen.

Dort hielt der umstrittene Regierungschef vor Hunderttausenden Anhängern eine Kundgebung ab. Die Aktion stand unter dem Motto "Los, lasst uns Geschichte schreiben!" In einer Rede vor seinen Anhängern erhob Erdogan schwere Vorwürfe gegen internationale Medien. Diese hätten seiner Meinung nach falsch über sein Land berichtet. Er behauptete, die britische BBC, der US-Nachrichtensender CNN und die Nachrichtenagentur Reuters betrieben Desinformation. In den vergangenen Tagen hatten bereits einige Tageszeitungen aus dem religiösen Spektrum Stimmung gegen ausländische Medien gemacht.

Zusammenstöße gab es aber nicht nur in Istanbul, sondern auch in der türkischen Hauptstadt Ankara kam es zu Krawallen. Türkische Medien berichteten, die Polizeiführung habe aus den Provinzen im Südosten des Landes Polizeikräfte nach Istanbul verlegt. "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand", riefen die Demonstranten.

"Erdogan hat alle Legitimität verloren, Präsident zu sein"

In der Nacht zum Sonntag war die Lage in Istanbul endgültig eskaliert: Mit Gummigeschossen, starkem Tränengas, Schockgranaten und Wasserwerfern hatte die Polizei das Protestlager im Gezi-Park geräumt. Dabei wurden hunderte Menschen verletzt. Zehntausende hatten ihrer Wut Luft gemacht und waren auf die Straßen gegangen.

Die Polizei verfolgte auch Demonstranten und Passanten, die sich in Hotels gerettet hatten, berichten Augenzeugen. Grünen-Politikerin Claudia Roth hatte sich der Proteste angeschlossen und entsetzt miterlebt, wie das Protestlager am Taksim-Platz von der Polizei geräumt wurde. "Das ist wie im Krieg. Die jagen die Leute durch die Straßen und feuern gezielt mit Tränengas-Granaten auf die Menschen", sagte die Parteivorsitzende.

Erdogans Behauptung, in dem derzeitigen Konflikt stünden sich Religiöse und Säkulare gegenüber, sei schlicht falsch, denn unter den Demonstranten seien auch viele gläubige Muslime, sagte Roth im Interview mit RTL Aktuell. "Ich glaube, dass dieser Mann alle Legitimität verloren hat, ein Präsident oder eine Ministerpräsident aller Menschen in der Türkei zu sein."

Die Protestbewegung wertete den Einsatz von Gummigeschossen, starkem Tränengas und Schockgranaten zu einer Zeit, zu der auch viele Frauen mit Kindern und ältere Menschen im Park waren, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie verlangte, die Polizei müsse auch aufhören, die Arbeit von Ärzten zu behindern, die den Demonstranten freiwillig helfen.