Meinung zu Jendriks ESC-Song

Was bringt ‘ne starke Botschaft, wenn man freiwillig weghört?

Jendrik Sigwart (26) wird Deutschland beim ESC 2021 vertreten.
Jendrik Sigwart (26) wird Deutschland beim ESC 2021 vertreten.
© RTL, dpa, Christian Charisius

26. Februar 2021 - 20:40 Uhr

von Marius Olion

"I Don't Feel Hate" heißt er also, unser Song für den Eurovision Song Contest 2021. Damit wird Jendrik Sigwart in Rotterdam antreten. Eine starke Botschaft in einem launigen Song oder einfach nur nervig? Ein Kommentar.

Starke Botschaft, aber penetrant

Jendrik sendet mit dem Song eine klare Message gegen den Hass. Niemand kann das schlecht finden. Die Botschaft ist gut, wichtig und zeitlos. Aber was bringt so eine starke Botschaft, wenn man freiwillig weghört? So ging es zumindest mir – gezwungenermaßen habe ich mir den Song zwar ganz angehört und das Video dazu angesehen, aber die 4 Minuten fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Penetrant wiederholt er immer und immer wieder seine Botschaft. Ja, vielleicht muss das auch so sein, damit es auch der Letzte versteht, dass Hass keine Meinung ist. Aber die Verpackung und der Sound nerven mich.

Buntes Video wie Parodie

Vielleicht hätte ich einen anderen Eindruck, wenn ich nur den Song gehört hätte, ohne Video. Das wirkt auf mich im ersten Moment wie eine Parodie. Bunt, wild, durcheinander. Jendrik sitzt mit einer glitzernden Ukulele auf einem Sofa im Waschsalon. Vermutlich will er damit zeigen, die Menschen müssen nicht zu seiner Botschaft kommen, die Botschaft kommt zu ihnen und holt sie da ab, wo sie sich sowieso aufhalten. Wenn das der Hintergrund ist: Chapeau! Keine schlechte Idee.

Da gibt's allerdings ein Problem: Hätte ich nicht gemusst, hätte ich soweit gar nicht erst zugeschaut. Denn über eine Minute lang passiert im Video musikalisch erst einmal nichts. Erst dann startet der Song, erst dann hört man die Message. Vielleicht entsteht für mich auch dadurch der Parodie-Charakter. Und warum denke ich bei der Ukulele und dem ganzen chaotischen Drumherum eigentlich an Stefan Raab? Und dann sind da noch so Pappschilder mit dem Text...kenne ich auch irgendwoher.

Trotzdem ESC-tauglich?

Einen guten Song für den Eurovision Song Contest machen aus: eine Botschaft, Ohrwurm-Charakter und ein sympathischer Interpret. Letzteres muss man dem 26-Jährigen lassen. Er wirkt unbeschwert und gut gelaunt, vielleicht also genau die richtigen Eigenschaften für einen Corona-Songcontest. Die Botschaft ist auch da. Die ist zwar nicht neu, aber immer aktuell. Wahrscheinlich hat sie aber noch niemand so energisch in unsere Ohren gehämmert wie Jendrik. Und damit wären wir beim Ohrwurm. Ich wünschte es wäre anders – aber der Song hat nach 4 Minuten nicht einfach aufgehört. Ich habe mich versucht zu wehren, aber am Ende war ich machtlos: Er war da und ging nicht mehr weg. Hilfe!

Das könnte ihm beim ESC tatsächlich auch helfen, wenn sich die Menschen den ganzen Abend an den Song und einen vermutlich bunten Auftritt erinnern. Der Wettbewerb ist ja auch immer mal wieder für Überraschungen gut. Ich wünsche es Jendrik von Herzen und zum Glück ist Musik ja Geschmackssache, den Song kann man gut oder nervig finden, das Video kann einen packen oder irritieren. Und vielleicht ist ja auch das genau so gewollt. Wir sind alle anders, haben verschiedene Geschmäcker, aber in einem sollten wir uns alle einig sein: Kein Platz für Hass!