Kommentar von Reporter Martin to Roxel

"Es reicht!" - Journalisten als Prügelknaben der Nation

Reporter Martin to Roxel auf der Demo zum 1. Mai in Berlin
© RTL Interactive

19. Mai 2020 - 12:56 Uhr

Bespuckt, beschimpft, geschlagen: Alltag für einen Reporter in Corona Zeiten

Es ist der 1. Mai als dieser "Schnappschuss" entsteht. Demonstranten liefern sich ein Katz-und Maus-Spiel mit der Polizei - mittendrin wir Journalisten. Während einer Liveübertragung für den Nachrichtensender ntv schreit mich eine Demonstrantin an, streckt ihre Zunge raus und ruft "Corona"! Im Hintergrund schreien weitere Menschen und schicken wüste Beschimpfungen in meine Richtung.

Zeitgleich nur ein paar Kilometer entfernt, auch in Berlin. Kollegen vom ZDF werden brutal zusammengeschlagen, kommen ins Krankenhaus. Die Gewalt gegen Journalisten, sie eskaliert an diesem Tag. Die Wut auf uns Reporter, sie ist hemmungslos.

Einschüchtern und verunsichern

Nach dem 1. Mai äußert sich ein besorgter Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, auf der Homepage der Organisation. "Wir befürchten, dass die jüngsten Angriffe Medienschaffende verunsichern und diese im Zweifel weniger von Kundgebungen berichten."

In einer erst in diesem Jahr neu veröffentlichten Studie der Uni Bielefeld gaben rund 60 Prozent der 322 befragten Journalistinnen und Journalisten an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal angegriffen worden zu sein.

Reporter ohne Grenzen ist besorgt, dass die Übergriffe andere Medienschaffende einschüchtern könnten.

Sündenbock Reporter

Die Beschimpfungen gegenüber Journalisten, sie nehmen in zahllosen Facebook, Twitter und Instagram Kommentaren ihren Anfang. In der Corona Krise mehr denn je:

"Sensationsgeile Medienheinis"

"Schweine Journalismus"

"Systempresse, Volksverdummung"

Ob Flüchtlingskrise, Coronakrise, wer ist letztendlich Schuld? Natürlich wir Journalisten! Die Vorwürfe sind zum Haare raufen, geradezu absurd: wir sagen nur das, was die Regierung von uns erwartet – wir schüren Panik,  wir berichten schlichtweg Unwahrheiten. Glaubt ihr das wirklich?!

Vielleicht braucht man ja einen Schuldigen, der für alles herhalten muss, um seinen persönlichen Frust abzubauen. Da kommen diese Reporter ja gerade recht.

Raues Klima – rohe Gewalt

An alle, die zum rauen Diskussionsklima beitragen, dass nur zu leicht in rohe Gewalt mündet.

Ich arbeite seit 25 Jahren in dem Job. Mir hat noch nie auch nur ein Politiker vorgeschrieben, was ich zu schreiben oder zu sagen habe. Ich versuche, keine Panik zu schüren, ich versuche, über die Wahrheit zu berichten, so gut es eben geht - Fehler eingeschlossen. Und jetzt kommt ihr daher, beschimpft uns, spukt uns an, schlagt uns - die Menschen, die euch informieren wollen? Das ist doch nicht euer Ernst!

Es reicht!

Es reicht! Meine Kollegen und ich sind nicht euer Sündenbock für alles Schlechte dieser Welt. Respekt für unsere Arbeit - das wäre was, ist aber vermutlich zu viel verlangt. Aber vielleicht hört ihr endlich auf, auf uns einzuschlagen und uns zu beleidigen, das wäre doch schon mal ein Anfang. Regt euch gerne auf, aber bitte mit Anstand und ohne Gewalt.

Wir haben das Virus nicht in die Welt gesetzt, wir sind weder für Kriege noch für eine Flüchtlings- oder Finanzkrise verantwortlich. Wir berichten darüber, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wir kämpfen im Moment gemeinsam gegen ein Virus, dass die Welt verändert hat. Wir kämpfen gemeinsam, nicht gegeneinander.

Niemand hat Lust, sich bei der Arbeit bespucken und bepöbeln zu lassen, und somit auch ich und meine zahlreichen Kollegen nicht.

Das haben Journalisten einfach nicht verdient – ist das so schwer zu begreifen.