„Dafür brauchst du dich nicht anschnallen“

Erziehung: 9 Elternsätze von früher, die heute undenkbar und oft sogar strafbar wären

Die Erziehungsmethoden haben sich seit den 1960er-Jahren stark verändert.
Die Erziehungsmethoden haben sich seit den 1960er-Jahren stark verändert.
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von Madeline Jäger

Das Kind hat sich das Knie aufgeschlagen und will zur Schule gefahren werden? „Reiß Dich zusammen und geh zu Fuß“ hieß es da früher oft nur knapp. Wer kennt sie nicht, die Erzählungen darüber, was damals völlig normale Erziehungsmethoden waren und welche elterlichen Aktionen heute manchmal sogar strafbar wären. Doch geht der zuvorkommende Erziehungsstil vieler Eltern heutzutage in das andere Extrem und mutet Kindern viel zu wenig zu? Eine Hamburger Pädagogin erklärt, warum es sogar schlecht sein kann, Kindern zu viel abzunehmen und woran es liegt, dass viele Eltern sich heute nicht trauen, ihren Kindern mehr Eigenverantwortung zu übertragen.

Lese-Tipp: TikTok-Therapeutin gibt Erziehungstipps – doch sind die wirklich sinnvoll?

1. „Ich werfe Dich hinein, dann lernst du das Schwimmen ganz von selbst“

Du willst schwimmen lernen? Den teuren Schwimmkurs konnten sich viele Kinder vor einigen Jahrzehnten noch getrost abschminken. Da wurde der kleine „Armin“ schon mal radikal angelernt und einfach von Opa ins Wasser geworfen, bis er endlich schwimmen konnte. Heutzutage? Für viele Eltern undenkbar.

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2. „Reiß Dich jetzt zusammen“

Wenn ein Kind hingefallen ist und sich das Knie aufgeschlagen hat, wurde dem Verletzten auch schon einmal „Reiß Dich jetzt zusammen“ entgegen geschmettert. Während Kinder heute in bestimmten Stadtteilen deutscher Metropolstädte auch mal mit einem aufgeschlagenen Knie zum Kinderarzt gebracht werden, war dies früher für viele Eltern noch lange kein Grund, die Nerven zu verlieren.

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3. „Frau Schmitt hat einen Schlüsselbund nach uns geworfen!“ – „Dann wird sie wohl ihre Gründe dafür gehabt haben“

Wow, das ist ein Satz, der heutzutage wohl definitiv strafrechtliche Konsequenzen nach sich gezogen hätte. Wir alle wissen, dass Lehrerinnen und Lehrer vor einigen Jahrzehnten noch brutalere Erziehungsmethoden angewandt haben. Doch heute wäre es für viele Eltern undenkbar, nicht zu handeln, wenn ihr Kind von Lehrpersonal angegriffen werden würde. Früher war also wohl doch nicht alles besser.

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4. „Geht ja schnell, dafür brauchst du Dich nicht anschnallen“

Die Devise von vielen Eltern bis in die 1970-er Jahre: Bei Kurzstrecken muss sich nicht die Mühe gemacht und ein Sicherheitsgurt angelegt werden. Ein Credo, das heutzutage spätestens nach einer Polizeikontrolle Probleme und eine saftige Strafe nach sich ziehen würde.

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5. „Müde? Leg dich doch quer über die Rückbank und schlaf während der langen Fahrt!"

Ausgestreckte Beine während einer langen Fahrt oder ein schönes Nickerchen in Querlage auf der Rückbank – im Auto war früher grundsätzlich mehr erlaubt, zumindest von Elternseite aus. Heute geht das zurecht so nicht mehr: viel zu gefährlich.

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6. "Ob Du mit den anderen raus darfst? Klar, aber zum Abendessen bist Du wieder daheim“

Heute müssten Kinder mindestens erreichbar sein und Eltern würden berechtigterweise wissen wollen, wo sich ihre Kinder überhaupt aufhalten und natürlich auch, mit wem sie unterwegs sind. Früher hat es ausgereicht, zum Abendessen wieder zu Hause zu sein. Zeitenwandel in Reinkultur.

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7. „Warte nur, bis Dein Vater nach Hause kommt“

Vor Jahrzehnten waren Mütter oft tagsüber allein für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich. Wer sich daneben benahm, bekam deswegen die klare Ansage über das eigene Fehlverhalten oft erst abends, wenn Papa von der Arbeit nach Hause kam. Die Drohung am Nachmittag wirkte bei vielen Kindern trotzdem.

8. „Gehst Du bitte für Papa Zigaretten holen?“

Heutzutage auch eher weniger denkbar und sogar strafbar, denn Zigaretten gibt’s erst ab 18! Früher konnten Kinder Zigaretten und Bier mühelos für Papa besorgen.

9. „Sonnenmilch? Muss jetzt nicht unbedingt sein“

Ein Trugschluss, der heute so zum Glück meistens auf ein anderes Bewusstsein in der Gesellschaft stößt. Viele Eltern achten mehr darauf, dass Kinder sich gut eincremen.

Pädagogin vergleicht Erziehungsstile: "Heutzutage haben wir oft beide Extreme"

RTL hat bei einer Hamburger Pädagogin und Sozialpädagogin nachgefragt, ob viele Eltern heutzutage im Vergleich zu den genannten Beispielen fast schon „zu vorsichtig“ erziehen und in das andere Extrem übergehen.

„Wir haben heutzutage oft beide Extreme. Die einen, die ihre Kinder zu vorsichtig erziehen, und die anderen Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen“, so die erfahrene Pädagogin, die an einer Stadtteilschule in Hamburg tagtäglich mit vielen Kindern aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten zu tun hat.

Während die einen Kinder zur Schule chauffiert werden, haben andere Schulkinder nicht einmal ein Pausenbrot dabei – und auch keine 50 Cent für ein Brötchen.

Lese-Tipp: So würden sie es besser machen – Welche Erziehungstipps Kinder für Eltern haben

Ihre Meinung ist uns wichtig: Gibt es nur noch Helikopter-Eltern oder U-Boot-Eltern?

Expertin: „Eltern sind heute wesentlich älter und neigen daher auch zu einem vorsichtigeren Erziehungsstil“

„Dass sich in den Erziehungsmethoden im Vergleich zu früher so viel geändert hat, liegt an drastisch durchgesetzten Verboten, sonst würden genügend Eltern ihre Kinder immer noch nicht gewissenhaft anschnallen und dergleichen. Kinder haben heute eine andere Lobby als früher“, schildert die Pädagogin, dafür habe auch der Staat im Laufe der Zeit gesorgt.

„Dadurch, dass viele Eltern wesentlich älter sind als früher, neigen sie auch zu einem vorsichtigeren Erziehungsstil. Meine Mutter wurde mit Anfang 20 schwanger, während 29-Jährige heute in Geburtsvorbereitungskursen manchmal die Jüngsten sind“, erzählt sie uns.

Lese-Tipp: Verkehr – Verbände: Kinder sollten Schulweg selbstständig meistern

Pädagogin: "Helikopter-Eltern tun ihren Kindern überhaupt keinen Gefallen"

„Es ist wichtig, Kindern auch mal etwas zuzumuten, weil es Kinder stärkt. Früher wurde nie ein Kind zur Schule gefahren, wir sind immer bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad gefahren. Wenn Kindern im Alltag zu viele Aufgaben abgenommen werden, können sie nicht lernen, was sie alles schaffen können“, appelliert die Expertin.

„Helikopter-Eltern tun ihren Kindern überhaupt keinen Gefallen. Denn sie fördern nur die Angst der Kinder und beruhigen dabei ihre eigene Angst davor, dass ihrem Kind etwas passiert. Wir müssen unseren Kindern aber ab einem gewissen Alter etwas zutrauen“, so die Pädagogin. Doch klar sei auch, dass es leider immer noch viele Eltern gebe, die ihre Kinder vernachlässigen – und das sei das Allerschlimmste.

Anmerkung der Redaktion: Die Pädagogin, die als Expertin im Artikel zu Wort kommt, ist auch als sozialpädagogische Beraterin in einer anonymen Beratungsstelle tätig und möchte zum Schutz ihrer Klienten daher nicht namentlich genannt werden.