Erste Kopf-Transplantation in zwei Jahren – ist das wirklich möglich?

Ein anderer Kopf auf dem Körper - ist das schon 2017 möglich?
© deutsche presse agentur (Motivbild)

17. Juni 2015 - 19:36 Uhr

Von Sebastian Wieseler

Sergio Canavero ist ein Mann mit Visionen. Im Magazin 'New Scientist' verkündet der italienische Arzt, die Transplantation eines menschlichen Kopfes auf einen fremden Körper sei aus medizinischer Sicht bereits in den nächsten zwei Jahren möglich. In einem ehrgeizigen Projekt will er diese Ankündigung in die Tat umsetzen.

Ein medizinisches Wunder? Wenn die Transplantationsmedizin diesen Quantensprung tatsächlich schafft, wäre es möglich, dass Querschnittsgelähmte ihre Körper wieder bewegen können, oder auch dass Menschen mit unheilbaren Krankheiten wie Krebs einen 'neuen' gesunden Körper erhalten könnten.

Canavero ist überzeugt, dass die Transplantation eines menschlichen Kopfes möglich ist. "Ich denke wir sind an einem Punkt, wo alle technischen Aspekte machbar sind", sagt er dem 'New Scientist'.

Doch was halten deutsche Mediziner davon? Stützen Sie seine Meinung oder muss man den Vorstoß des Italieners zwischen ferner Zukunftsmusik und abstruser Science-Fiction einordnen?

Professor Doktor Hartmut Schmidt ist Direktor der Transplantationsmedizin an der Uni-Klinik Münster. Er hält das Projekt des italienischen Arztes für grundsätzlich möglich. "Sollte das Problem der Verknüpfung des durchgeschnittenen Rückenmarks lösbar sein, ist solch eine Transplantation in der Tat zukünftig technisch denkbar", sagt Schmidt. "Dieses dürfte aber nicht in naher Zukunft zu erwarten sein", so der Transplantationsmediziner weiter.

Gegenüber RTLaktuell.de teilt auch Doktor Rafael-Michael Löbbert die Skepsis seines Kollegen. Der Neurologe gibt zwar zu, die "theoretischen Überlegungen" nachvollziehen zu können und erklärt, "auch die technischen Voraussetzungen sind geben". Aber Canaveros ehrgeizigem Projekt einer baldigen Kopf-Transplantation erteilt er eine Absage: "Der menschliche Organismus ist viel zu komplex, als dass dies bereits heute möglich wäre."

"Wenn die Gesellschaft es nicht will, werde ich es nicht machen"

Die Zweifel der Mediziner zählen für Sergio Canavero nur bedingt. "Der wahre Stolperstein ist die Ethik", sagt der Italiener. "Sollte man einen solchen Eingriff wirklich machen?" Eine Problematik, die auch die deutschen Mediziner betonen. Schon bei deutlich kleineren Organtransplantationen wird über Definitionen des menschlichen Lebens und die Frage, wann ein Mensch als tot bezeichnet werden kann – und wann man ihm Organe entnehmen darf, heiß und kontrovers diskutiert. Wenn der Kopf, oder je nach Betrachtungswinkel der Körper, eines Menschen transplantiert werden soll, wirft das noch größere ethische Bedenken auf.

Dass eine Kopf-Transplantation in Deutschland durchgeführt wird, ist – gerade aus medizinethischen Gründen - als unmöglich einzuschätzen. "Wir haben in Deutschland bis heute nicht einmal zur Extremitätentransplantation eine klare Stellungnahme der Bundesärztekammer wie diese umzusetzen sei", sagt Professor Schmidt. Die Transplantation des Kopfes ordnet der Mediziner als ähnliches Thema "wie das Klonieren von Menschen" ein.

Doktor Löbbert findet neben ethischen Problemen "wie der Frage nach dem Sitz des 'Ichs' und der Seele des Menschen" auch psychische Probleme bei Patienten diskutabel. "Depressionen, Identitätskrisen sowie Störungen der Selbstakzeptanz und Selbstwahrnehmung sind zu erwarten, wenn der Patient sich plötzlich in einem anderen Körper wiederfindet", so der Neurologe.

Der italienische Vordenker Canavero möchte eine Debatte anstoßen. Doch er ist von seinem Ziel überzeugt. "Wenn die Leute in den USA oder in Europa es nicht machen wollen, heißt das nicht, dass es nicht irgendwo anders gemacht werden kann", sagt der Chirurg. Auf einer Konferenz will er sein Projekt vorstellen und um Unterstützer werben. Freiwillige, die einen neuen Körper bekommen wollen, habe er bereits.