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Erst Fluch-Tirade, dann Strafe: Sebastian Vettel fällt beim Mexiko-GP der 'Verstappen-Regel' zum Opfer

Erst Fluch-Tirade, dann Strafe: Sebastian Vettel fällt beim Mexiko-GP der 'Verstappen-Regel' zum Opfer

"Er ist ein ***** (piep), das ist er!", fluchte Sebastian Vettel am Boxenfunk über Red-Bull-Pilot Max Verstappen, nachdem der kompromisslose Formel-1-Youngster seinen vermeintlichen 3. Platz in der Schlussphase des Mexiko-GP nur mithilfe eines wilden Ritts durch die mexikanische Botanik gegen den viermaligen Weltmeister behauptet hatte.

Es war der Auftakt einer regelrechten Schimpf-Tirade, die der 29-Jährige in den letzten Runden der Vollgas-Fiesta über den Äther jagte und die in Vettels endgültigem Vulkanausbruch gipfelte, als der Ferrarista nur als Vierter hinter dem fröhlich jubelnden Verstappen über den Zielstrich bretterte. Hier ist eine Botschaft an Charlie (Charlie Whiting, Rennleiter, Anm. d. Red.): "Fuck off, ganz ehrlich, fuck off!" Vettels Flüche wurden so oft durch das Piepen der Tugend- und Jugendwächter unterbrochen, dass man meinen konnte, einem Hip-Hopper in einer US-Talkshow zu lauschen.

Nach dem Rennen in Mexiko-City ließ der Deutsche die wilde Schlussphase am RTL-Mikrofon dann ganz nüchtern und abgeklärt revue passieren. Das Manöver von Red-Bull-Pilot Verstappen sei eindeutig ein Regelbruch gewesen, konstatierte Vettel. Der 19-jährige 'Jung-Bulle' habe abgekürzt und nur so seinen Platz überhaupt verteidigen können. Die 5-Sekunden-Strafe für den Holländer (im Endklassement dadurch Vierter) sei daher die logische Konsequenz. Einzig die Szene mit seinem ehemaligen Stallkollegen Daniel Ricciardo, dem Vettel eine Runde nach Verstappens Wiesen-Einlage in einer Linkskurve die Tür vor der Nase zugeknallt hatte, müsse er sich noch einmal ansehen. Sagte er und verschwand.

Dumm für Vettel: Auch die FIA-Stewards nahmen die besagte Situation noch einmal genau unter die Lupe. Das für Ferrari niederschmetternde Urteil: Unerlaubter Spurwechsel Vettels beim Verteidigen der Position gegen Ricciardo, 10-Sekunden-Strafe. Der eben erst am grünen Tisch von Verstappen geerbte Podestplatz wieder futsch, stattdessen gar nur Rang 5. "Wir hätten dieses Podium völlig verdient gehabt, es wurde uns jedoch von der Bürokratie genommen", schimpfte Scuderia-Capo Maurizio Arrivabene auf die Herren der Paragraphen. Die Strafe gegen seinen Piloten sei "zu streng und irgendwie ungerecht".

"Irgendwie ungerecht" - die Worte des Italieners klangen - irgendwie - eher wie eine subjektive, auf Sympathie beruhende Verteidigung eines Familienmitglieds als ein auf Fakten basierendes Plädoyer für einen Freispruch.

Dem Ferrari-Mann wurde nämlich ausgerechnet die sogenannte 'Verstappen-Regel' zum Verhängnis. Diese besagt: Spurwechsel beim Anbremsen sind nicht erlaubt und werden geahndet. Eingeführt wurde der Passus beim vergangenen Grand Prix in Austin, weil Verstappen in einigen Rennen zuvor seine Position gegen heranstürmende Kontrahenten nur durch ein schonungsloses Rüberziehen beim Anbremsen vor einer Kurve verteidigt hatte. Die FIA kam damit dem Wunsch speziell der arrivierten Piloten - und damit auch dem Wunsch Vettels - nach, solch gefährliche Manöver künftig mit einer Strafe zu belegen.

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Ricciardo: "Seb hat das gemacht, worüber sich jeder beschwert hat"

Bei Vettels Aktion gegen Ricciardo sahen die Stewards den Tatbestand erfüllt. Die Faktenlage aufgrund der Telemetriedaten muss eindeutig gewesen sein und auch die Bilder der Cockpit-Kamera sprechen gegen Vettel. Man sieht, dass der Ferrari-Pilot erst im letzten Moment seinen roten Boliden nach links schmeißt, um Ricciardo die Türe zuzumachen.

Für den Australier war die Nummer eindeutig: "Ich war mir meiner Sache sicher und habe mich voll auf das Manöver eingelassen. Dann hat er mir beim Anbremsen die Türe zugeworfen. Seb hat das getan, worüber sich jeder in letzter Zeit beschwert hat: Er hat beim Bremsen die Richtung gewechselt." Damit nicht genug: "Wenn man so etwas tut, korrigiert man nur den Fehler, dass man nicht früher verteidigt hat", kritisierte der WM-Dritte seinen ehemaligen Teamkollegen. In der Tat schien es, als habe der Scuderia-Mann schlicht nicht rechtzeitig erkannt, dass Ricciardo zum Überholen ansetzte.

Paradox und umso bitterer für Vettel: Er fiel als Erster einer Regel zum Opfer, die er im Verbund mit den älteren Fahrern selbst gefordert hatte. Die Gemütslage des aufgrund der schwachen Saison ohnehin angeschlagenen Ferrari-Stars dürfte nach der Rückstufung auf Platz 5 entsprechend sein.

Wind auf die Mühlen der Vettel-Kritiker

Im Prinzip machte sich Vettel mit seiner Aktion gegen Ricciardo eine ansonsten fabelhafte Leistung selbst kaputt, schimpfte zu sehr, anstatt sein Rennen konzentriert zu Ende zu fahren. Dass er dann auch noch derart die Fassung verlor und Ober-Schiri Charlie Whiting unflätig beschmipfte, war bezeichnend. Die Ausfälle sind Wind auf die Mühlen der Vettel-Kritiker, die dem viermaligen Weltmeister vorwerfen, mit sportlichen Tiefs nicht umgehen zu können und eigene Fehler sofort auf andere abzuwälzen. 'Funk-Motzki' hat die Presse Vettel aufgrund seiner wiederholten Beschwerden über andere Fahrer schon getauft.

Nico Hülkenberg kritisierte das Funk-Gebahren seines Landsmann recht unverblümt. Zwar könne er verstehen, wenn man bei Tempo 300, vollgepumpt mit Adrenalin mal über das Ziel hinausschieße. Vettel aber sei "schon ein spezieller Fall", zitiert 'Speedweek.com' den Force-India-Piloten. "In seinen Augen, hat sich immer die ganze Welt gegen ihn verschworen. Was er gesagt hat, war schon extrem."

Dass jetzt auch noch ausgerechnet der 19-jährige Verstappen seinem Kontrahenten rät, zur Benimmschule zu gehen, dürfte aber nicht nur Vettel sauer aufstoßen. Der Holländer macht sich mit seiner Art nicht nur im Fahrerfeld immer unbeliebter. "Ich verstehe seine Arroganz nicht", tadelte Silberpfeil-Aufsichtsratschef Niki Lauda, sonst ein Fan Verstappens, das Verhalten des F1-Überfliegers. Auch mag es vielen Beobachtern seltsam erscheinen, dass Verstappen in Mexiko insgesamt mal wieder glimpflich davonkam, wenn man bedenkt, dass er direkt nach dem Start eine Kollision mit dem WM-Führenden Nico Rosberg verursachte.

Offenbar will Verstappen die angespannte Situation vor dem Brasilien-GP in zwei Wochen entschärfen. Der Red-Bull-Mann kündigte an, ein Gespräch mit Vettel suchen zu wollen. Der sah dazu allerdings wenig Anlass. Es brodelt. Die Königsklasse lebt von derart vergifteten Beziehungen zwischen Piloten. Den Saisonendspurt samt des silbernen Titelkampfes macht die Episode Vettel vs. Verstappen jedenfalls um einiges spannender.