Erschreckende Studie: Ein Drittel der Deutschen erlitt als Kind Gewalt

Gewalt gegen Kinder nimmt wieder zu
Gewalt gegen Kinder nimmt wieder zu
© dpa, Patrick Pleul

21. März 2017 - 16:31 Uhr

Keine Lichtblicke: Emotionale Gewalt nimmt zu

Von einer Tracht Prügel bis zu schwerem sexuellem Missbrauch: Fast ein Drittel der Deutschen spricht in einer neuen Umfrage von mittleren bis schweren Gewalterfahrungen in der Kindheit. Lichtblicke gibt es nur wenige.

Gewalt geschieht vor allem in der Familie

Fast jeder Siebte hat als Kind sexuellen Missbrauch erfahren. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter rund 2.500 Deutschen zwischen 14 und 94 Jahren. Laut der Untersuchung der Forscher der Universität Ulm hat ein Drittel aller Befragten in seiner Kindheit Gewalt erlebt. Damit bestätigt die Studie andere Erhebungen aus früheren Jahren.

"Bei allen Misshandlungsformen ist die Familie der zentrale Ort, an dem dieses Leid geschieht. Oft wird das noch gemehrt durch Übergriffe in Institutionen, in denen Kinder zum Schutz oder in ihrer Freizeit sein sollten", sagt Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm.

Nur langsame Präventionserfolge

Fast jede fünfte befragte Frau und fast jeder zehnte befragte Mann gab bei den jüngsten Interviews sexuelle Übergriffe an. Rund jeder sechste Befragte gab an, als Kind Schläge, Stockhiebe oder andere schmerzhafte Prügelstrafen bekommen zu haben. "Bei körperlichen Misshandlungen sehen wir aber vor allem in den jüngsten Altersgruppen einen Rückgang. Das hat wohl mit dem allmählichen Sterben des väterlichen Züchtigungsrechts zu tun", sagt Fegert. Dieser positive Trend habe in den 1980er Jahren begonnen. Doch erst im Jahr 2000 habe gewaltfreie Erziehung Eingang ins Grundgesetz gefunden. "Das zeigt, wie lang das braucht, bis sich Präventionseffekte zeigen", ergänzt er.

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Emotionale Gewalt hat gravierende Folgen

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Zugenommen haben dagegen emotionale Misshandlungen. Dazu gehört zum Beispiel das Mobben, Ignorieren oder Isolieren eines Kindes. "Heute wissen wir, dass das bei der Weiterentwicklung der Psyche gleichschlimme Auswirkung hat wie körperliche Misshandlung", sagt Experte Fegert. Er vermutet, dass die Zahlen steigen, weil der Fokus mehr auf dieser stillen Tortur liegt - und das Bewusstsein für die Folgen steigt. Formen der körperlichen Vernachlässigung gingen dagegen zurück.

Die Folgen: Depressionen, Suizidgedanken und Krebs

Ein kleiner Junge sitzt verängstigt in der Ecke seines Kinderzimmers und umarmt einen Teddy (gestellte Aufnahme vom 15.1.2004). Gewalt gegen Kinder nimmt nach Einschätzung von Brandenburger Ärzten in beängstigender Weise zu. In der Kinderstation des
Gewalt gegen Kinder nimmt in beängstigender Weise zu
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Bei Menschen, die Missbrauch oder Vernachlässigung durchlitten, ist ein höheres Risiko für psychische Folgen wie Depressionen und Suizidgedanken belegt. Befragte, die nun Gewalterfahrungen angaben, hatten aber auch deutlich häufiger Übergewicht, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und chronische Schmerzprobleme, sagen die Forscher.