Erneutes Schiffsunglück vor Lampedusa: "Mittelmeer wird zum Friedhof"

22. Mai 2014 - 13:05 Uhr

34 Leichen nach neuer Flüchtlingstragödie geborgen

Nach dem erneuten Kentern eines Flüchtlingsbootes in der Nähe der Insel Lampedusa haben italienische und maltesische Marineboote die Leichen von 34 Flüchtlingen geborgen. 206 Menschen seien gerettet worden, teilte die italienische Marine mit. Das Flüchtlingsboot war am Freitag rund 100 Kilometer südlich der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa entdeckt worden. Medienberichten zufolge kenterte es, als die in Panik geratenen Passagiere um Hilfe winkten.

Schiffsunglück Lampedusa
Nach einem neuen Schiffsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa ist die Zahl der Opfer auf 34 gestiegen.
© dpa, Handou

Malta ruft die EU daher zum Handeln auf. Man fühle sich "im Stich gelassen", sagte Ministerpräsident Joseph Muscat in einem BBC-Interview. Sein Land werde auf eine Änderung der Einwanderungsbestimmungen für Nahost-Länder drängen. "Bisher hören wir von der EU nur leere Worte", so Muscat, dessen Land direkt von der Flüchtlingskrise betroffen ist. "Ich weiß nicht, wie viele Menschen noch sterben müssen, bevor etwas geschieht. Wie die Dinge im Moment stehen, machen wir unser eigenes Mittelmeer zum Friedhof."

Die maltesischen Behörden hätten am Freitagnachmittag erste Berichte über ein Flüchtlingsschiff in Seenot bekommen, sagte ein Regierungssprecher. Ein maltesisches Schiff sei als erstes am Unglücksort gewesen. EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström sagte in einer Mitteilung, sie habe mit "Trauer und Sorge" die Rettungsoperationen verfolgt. "Diese erneuten schrecklichen Ereignisse geschehen, während wir noch die Tragödie von Lampedusa vor Augen haben."

Zustände auf Lampedusa "eine Schande für Europa"

Papst Franziskus, der bereits Anfang Juli bei einem Besuch der Insel Lampedusa die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Migranten angeprangert hatte, schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: "Herr erbarme Dich. Allzu oft sind wir durch unser angenehmes Leben geblendet und weigern uns, diejenigen wahrzunehmen, die vor unserer Haustür sterben."

Kritik an der europäischen Asylpolitik übte auch der Münchner Erzbischof Reinhard Marx. "Hinter der Tragödie von Lampedusa steckt der Gedanke, möglichst zu verhindern, dass jemand europäischen Boden betritt", sagte er vor dem Diözesanrat in Freising. "Auch wenn Europa nicht jeden aufnehmen kann, dürfen wir niemanden an den Grenzen zu Tode kommen lassen."

Die SPD-Bundestagsfraktion bezeichnete die Zustände vor und auf Lampedusa als "eine Schande für Europa". Europa werde seinen eigenen Ansprüchen von Freiheit und Menschenrechten nicht gerecht, kritisierte ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Thomas Oppermann. Die unkontrollierte Einwanderung von Flüchtlingen müsse durch eine gemeinsame Einwanderungspolitik der EU ersetzt werden. "Es ist falsch, dass die Bundesregierung dies bislang verhindert hat", kritisierte Oppermann.

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner forderte ihre Partei auf, sich auf das Gebot christlicher Nächstenliebe zu besinnen. "Wir tragen Verantwortung, auch wenn wir keine Küste haben, an der Flüchtlinge stranden", sagte Klöckner dem Berliner 'Tagesspiegel am Sonntag'.

In den vergangenen beiden Tagen mussten Handelsschiffe im Mittelmeer fünf Flüchtlingsbooten mit zusammen mehr als 500 Migranten an Bord zu Hilfe kommen. Die italienische Küstenwache koordinierte am Donnerstag und Freitag die Rettungsaktionen für die Migranten auf den fünf Booten. Die Flüchtlinge wurden in sizilianische Hafenstädte gebracht, so nach Trapani und Porto Empedocle, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

Die Zahl der geborgenen Opfer der Schiffstragödie vor Lampedusa in der vergangenen Woche stieg indes auf 339, nachdem Taucher insgesamt 28 weitere Opfer in der Nähe des Wracks entdeckten. Im Schiff sind keine Leichen mehr. Die Suche gehe jedoch außerhalb weiter, hatte die Küstenwache mitgeteilt. Die Bilanz ist damit noch immer nicht endgültig. 155 Flüchtlinge waren nach dem Schiffbruch gerettet worden, insgesamt 545 waren nach den Angaben von Überlebenden an Bord des Bootes gewesen.

Möglicherweise steigt die Zahl der Opfer weiter, denn nach Angaben von Überlebenden sollen insgesamt 545 Menschen an Bord des Bootes gewesen sein. Damit wäre das Schicksal von 51 Flüchtlingen noch nicht geklärt.