"Eigentlich bin ich doch der liebste Mensch"

Essen: Prozessbeginn gegen Silvester-Amokfahrer Andreas N.

© dpa, Marcel Kusch, mku

22. Oktober 2019 - 22:15 Uhr

Amokfahrt durch Essen und Bottrop: "Ich weiß nicht, wie das passieren konnte"

Nein, sagt Andreas N., erinnern könne er sich an die Silvesternacht nicht mehr. Nur noch Bruchstücke seien da. Erinnerungsfetzen, als der 50-Jährige aus Essen mit seinem silbernen Mercedes gezielt Jagd auf Ausländer gemacht haben soll. Immer wieder fuhr er ungebremst in Menschengruppen. 40 Minuten lang. 14 Personen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Als die Anklage verlesen wird, wirkt Andreas N. abwesend, schaut durchgehend ins Leere, wie RTL-Reporter Thomas Schweres berichtet, der die Verhandlung beobachtet hat. "Ich weiß nicht, wie das alles passieren konnte", sagte Andreas N. wörtlich. "Eigentlich bin ich doch der liebste Mensch."

Wagen an Silvester in Menschengruppen gesteuert: Angeklagter bestreitet Tötungsabsicht

Der Prozess um die Silvester-Amokfahrt beschäftigt das Essener Landgericht jetzt schon zum zweiten Mal. Ein erster Prozess gegen den 50-Jährigen musste im Juli nach wenigen Verhandlungstagen abgebrochen werden, weil die Vorsitzende Richterin überraschend gestorben war. Andreas N. räumte die Taten jetzt zwar ein. Er bestritt aber, dass er Menschen habe töten wollen – und fremdenfeindlich sei er ebenso wenig.

Die Staatsanwaltschaft sagt: Andreas N. hat die Taten ohne Zweifel begangen, aber er war psychisch krank, litt an paranoider Schizophrenie – er war also schuldunfähig. Sie hat beantragt, ihn dauerhaft in einer Psychiatrie unterzubringen. In dem Prozess jetzt, einem sogenannten "Sicherungsverfahren", geht es deshalb nicht um die Höhe der Strafe wegen versuchten Mordes – sondern nur um die Frage: Wie schlimm ist die Krankheit von Andreas N. wirklich? Ist er gefährlich für die Allgemeinheit?

Amokfahrer Andreas N.: "Als wenn ich alles unter mir eingesaugt hätte"

Unter anderem an diesem Platz in Bottrop hatte Andreas N, an Silvester seinen Wagen gezielt in eine Fußgänger-Gruppe gesteuert.
Unter anderem an diesem Platz in Bottrop hatte Andreas N, an Silvester seinen Wagen gezielt in eine Menschengruppe gesteuert.
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​Schon 2001, so sagt Andreas N. aus, sei bei ihm paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden. Zu den Symptomen zählen unter anderem Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Seitdem wurde er mehrmals polizeilich auffällig. Einmal, sagt er, hätten die Wahnvorstellungen dazu geführt, dass er nachts mit seinem Auto durch die Straßen gefahren sei und schließlich bei wildfremden Menschen geklingelt habe. Bei einem anderen Vorfall habe ihn Polizei nackt auf der Straße aufgegriffen.

Einen ähnlichen psychotischen Schub, sagt Andreas N., müsse er auch in der Silvesternacht erlitten haben. "Wie ein Staubsauger" sei er durch die Stadt gefahren, "als wenn ich alles unter mir eingesaugt hätte. Völlig blind." Wieso er das getan habe, wisse er auch nicht. "Ich kann's mir nicht erklären. Ich wollte das nicht."

Er habe sich wohl im Wahn eingebildet, er müsse einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag verhindern. Von einer gezielten Jagd könne jedenfalls keine Rede sein. Und auch der Umstand, dass ihm ein Freund offenbar regelmäßig rechtsradikale Inhalte aufs Smartphone schickte, tue nichts zur Sache. "Auf diesen Scheiß habe ich ja nie wirklich reagiert."

Prozess gegen Silvester-Amokfahrer: Erlitt Andreas N. einen psychotischen Schub?

Sein Verteidiger stellt Andreas N. dar als einen "armen, psychisch erkrankten Menschen, der seit 20 Jahren an Schizophrenie leidet". Den psychotischen Schub in der Tatnacht habe er nicht kommen sehen. Andreas N. bereue, was er getan habe: Er sei jemand, "der überhaupt nichts Böses wollte und in einem wahnhaften Erleben seine Handlungen begangen hat". Heute sei Andreas N. wieder gesund. Wenn sich die Schizophrenie medikamentös behandeln lasse, könne er eventuell sogar auf eine Bewährungsstrafe hoffen, so die Verteidigung.

Die Anwälte der Nebenklage sind von dieser Darstellung nicht überzeugt. Dass Andreas N. sich nicht erinnern könne, ein vierjähriges Mädchen angefahren zu haben – dass er nicht mehr wisse, wie er eine 46-jährige Syrerin gleich zwei Mal mit dem Fahrzeug überrollte, sei unglaubwürdig. Das Mädchen sei noch immer traumatisiert und in psychotherapeutischer Behandlung. Die Frau erlitt einen Riss der Knieschlagader und wäre beinahe verblutet.

Manche Opfer hätten den Eindruck, Andreas N. sei berechnend, gebe womöglich nur vor, psychisch krank zu sein. "Das könnte alles nur eine Show sein, vorgespielt sein, damit er günstig wegkommt", so der Rechtsanwalt einer Verletzten. Manche Opfer hätten weiterhin die Befürchtung, N. sei in Wirklichkeit "ein eiskalter Killer".

Für den jetzigen Prozess hat das Gericht vorerst zwölf Verhandlungstage bis zum 18. Dezember angesetzt. Alle Opfer sollen als Zeugen gehört werden.