Militäroffensive der Türkei in Syrien

Erdogan droht der EU: "Öffnen die Türen und schicken euch 3,6 Millionen Flüchtlinge"

10. Oktober 2019 - 22:38 Uhr

Große Fluchtwelle wegen Militäroffensive

Die Türkei marschiert in Nordsyrien ein – und löst damit eine große Fluchtwelle aus. Der türkische Präsident Erdogan droht unterdessen der EU mit einer Grenzöffnung.

Erdogan: „Hey, Europäische Union. Reißt Euch zusammen"

"Hey, Europäische Union. Reißt Euch zusammen. Seht, ich sage es noch einmal: Wenn ihr versucht, unsere aktuelle Operation als Besatzung zu bezeichnen, dann haben wir leichtes Spiel. Dann öffnen wir die Türen und schicken euch (die) 3,6 Millionen Flüchtlinge", sagte Recep Tayyip Erdogan in einer Rede vor Angehörigen seiner Regierungspartei AKP.

Zuvor hatten Deutschland und fünf weitere EU-Länder bei den Vereinten Nationen erneut ein Ende der türkischen Militäroffensive in Syrien gefordert. "Neue bewaffnete Auseinandersetzungen im Nordosten werden die Stabilität der ganzen Region weiter gefährden, das Leid der Zivilisten vergrößern und weitere Vertreibungen mit sich bringen, die die Zahl der Flüchtlinge in Syrien und der Region vergrößern werden", teilten Deutschland, Belgien, Frankreich, Polen, Großbritannien und Estland am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung mit.

Beobachtungsstelle: Schon mindestens 60.000 Menschen aus Nordsyrien vertrieben

Seit Beginn der türkischen Offensive gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien seien mindestens 60 000 Menschen vertrieben worden, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag. Deren Angaben zu Flüchtlingen beruhen auf Schätzungen, eine unabhängige Bestätigung gab es für diese Zahl nicht.

Dem Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC) zufolge leben in Syrien innerhalb von fünf Kilometern nahe der Grenze schätzungsweise 450 000 Menschen. Darunter sind 90 000 Vertriebene, die zuvor mindestens einmal vor Kämpfen im Land flüchten mussten. Der NRC warnte, dass der türkische Einsatz humanitäre Hilfen für die Region blockieren könnte. Schon am ersten Tag nach Beginn der Offensive seien der Betrieb von Krankenhäusern und der Wasserversorgung teils unterbrochen worden.

UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi teilte mit, aktuell seien Hunderttausende Zivilisten in Nordsyrien in Gefahr. Die Verschärfung des Konflikts trage zur ohnehin größten Krise vertriebener Menschen weltweit bei.

Türkei will mit Offensive gegen Kurdenmiliz YPG vorgehen

Ziel der seit Mittwoch laufenden türkischen Offensive ist die Kurdenmiliz YPG, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei und damit eine Terrororganisation. Die Türkei will entlang der Grenze eine sogenannte Sicherheitszone einrichten und dort auch syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben.

Seit Beginn der Offensive wurden laut Aktivisten mindestens 15 Zivilisten getötet. Erdogan sagte in Ankara, dass bei der Offensive bisher 109 "Terroristen" getötet worden seien. Mit "Terroristen" sind die Kämpfer der YPG-Miliz gemeint. Auch die Türkei meldete erste Opfer. Vier Menschen, darunter ein neun Monate altes syrisches Baby, seien gestorben, als Mörsergranaten und Raketen in türkischen Bezirken einschlugen, wie aus offiziellen Stellungnahmen hervorging. 70 Menschen seien verletzt worden.