Er steuerte den Lkw in den Berliner Weihnachtsmarkt: Ein Besuch bei Amris Familie in Tunesien

14. Februar 2017 - 17:52 Uhr

Die Mutter kann nicht glauben, was in Europa passiert ist

Reporterin Nadja Kriewald hat eine außergewöhnliche Reise auf sich genommen: Sie hat sich auf Spurensuche des Berliner Attentäters begeben und die Familie von Anis Amri in Tunesien besucht. Oueslatia, ein kleiner unbedeutender Ort im Zentrum des Landes, hat von heute auf morgen zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Denn von hier stammt Anis Amri. 

Drei Autostunden von der Hauptstadt Tunis entfernt liegt das Dörfchen, es besteht aus ein paar trostlosen Cafés, einigen Geschäften und Häusern, von denen das bekannteste Haus das der Familie von Amri ist. Mutter Nour al-Houda kann noch immer nicht glauben, was da passiert ist. Ihr Sohn Anis sei doch vorher kein schlechter Mensch gewesen, sagt sie.

"Ich habe keine Veränderung an ihm gesehen. Er hat mit seiner Schwester und mir ganz normal gesprochen. Wenn ich etwas gemerkt hätte, wäre ich zur Polizei gegangen. Denn ich hätte ihn lieber im Gefängnis gesehen als tot."

Radikalisiert habe sich Anis in Europa - nicht in seiner Heimat. Die Mutter kommt gerade aus der Hauptstadt, sie kämpfe dort bei Behörden um die Auslieferung des Leichnams. "Ich möchte meinen Sohn hier beerdigen. Ich möchte ihn hier haben. Für mich ist nicht wichtig, ob er es getan hat oder nicht. Das kann später geklärt werden. Ich bin eine Mutter und ich möchte den Leichnam meines Kindes sehen."

Anis' Mutter will vor allem Gewissheit haben. Und das will wohl jede Mutter - auch die eines zwölffachen Mörders. Und sie bittet um Vergebung: "Sie haben Ihre Familienmitglieder verloren, aber ich habe auch meinen Sohn verloren. Er ist nach Europa gegangen, um zu studieren, aber alles ist schiefgelaufen. Ich frage die Menschen, die ihn manipuliert haben, warum sie das getan haben?"
 
Beim Abschied treibt ein Schäfer seine Herde durch die Siedlung. Oueslatia scheint ein trostloser Ort zu sein. Und Anis Amri ist nicht der Einzige von hier, der sich dem IS angeschlossen hat. Es ist die Perspektivlosigkeit dieser Menschen, die sie in die Arme der Terroristen treibt.